Text folgt in Kürze!
VL
20. Februar 2011
Super Grotesk
Wettbewerbsbeitrag für das Dokumentations- und Bildungszentrum „Repression in der SED-Diktatur“
„Super Grotesk“ war die meistbenutzte Schriftart in der DDR. In Schulen, Universitäten, in den Ministerien, auf Urkunden, Zeugnissen, in Büchern wie auch in geheimen Dokumenten fand sie Anwendung. Sie galt als unbelastet, weil sie zu Zeiten des Dritten Reiches so gut wie nicht eingesetzt wurde. Von Arno Drescher in den Dreißiger Jahren für die Schriftgießerei Schelter & Giesecke in Dresden entwickelt und nach dem 2. Weltkrieg für VEB Typoart als Bleisatz eingerichtet, wurde sie zu einer universellen, modernen Schrifttype, eine Art „Arial des Ostens“. Sie lehnt sich stark an die „Akzidenz Grotesk“ an, die Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde und als Meilenstein in der Schriftgestaltung gilt. Die DDR-Version geriet nach dem Fall der Mauer in Vergessenheit und wurde als belastete Schwester in der Grotesk-Schriftfamilie nur noch wenig benutzt. 1999 überarbeitete sie der Berliner Typograph Svend Smital und erweiterte sie um einige neue Schnitte. Seitdem wird sie wieder als digitale Version vertrieben. Die Schrift ist heute rehabilitiert. Sie erinnert an die utopischen Träume einer modernen zukunftsgewandten Gesellschaft, chic und minimalistisch, schnörkellos und praktisch.
Super grotesk ist auch die heutige Anlage des ehemaligen DDR-Ministeriums, sie hat ihren Schrecken verloren. Ihre Aura ist dahin. Einerseits ist die neue Nutzung durch Supermarkt und Gesundheitszentrum, Institution und Museum eine sinnvolle wie zweckmäßige Form der Öffnung. Andererseits bekommt eine Würstchenbude auf dem ehemaligen Appell- und Auffahrplatz für den informierten Besucher schon fast eine symbolische Bedeutung und könnte als ortsspezifischer Eingriff von Konzeptkunst missverstanden werden. Es fällt einem schwer, hier dem ganzen Ausmaß des Irrsinns nachzuspüren. Der Ort gibt sich der Lächerlichkeit preis. Subtiler kann man nach Erstürmung und Graffiti, nach Räumung und Enttarnung den Apparat von einst nicht vorführen. Aura hat es schwer heutzutage und besonders in Berlin. Die Arbeit der Gedenkstätte und der Behörde im Gebäudeinnern schaffen im Gegensatz dazu mit historischer Sachlichkeit, was dem Außenraum verwehrt bleibt. Hier bekommen kilometerlange Schriftdokumente eine Bedeutung, die Architektur und städtebauliche Situation nur bedingt repräsentieren können.
Der Schriftzug STASI liegt im Winkel von 45 Grad über der nordöstlichen Ecke des Vordaches vom Eingang Haus 1. Er ist 2,80 Meter hoch. Das entspricht der Bauhöhe einer Etage der umliegenden Wohnblocks Typ WBS 70 aus DDR-Zeit. In seiner Größe könnte es einem schriftunkundigen an einen Reklameschriftzug oder Firmensignet erinnern. Ganz in Weiß und mit LED-Leuchtmitteln ausgestattet ist es nicht mehr als es ist: ein Wort. An dieser Stelle macht es den Anschein, als wäre es beim Abmontieren vom Dach hier abgestellt worden. Der Abtransport steht bevor. Es balanciert so auf der Ecke, dass nur das „A“ nicht frei schwebt. Ein Provisorium. Durch seine abgewinkelte Position ist der Schriftzug sowohl von der Einfahrt Normannenstraße wie auch von der Ruschestraße lesbar. Der Sichtschutzwall wird so zum Träger für das vormals geheim gehaltene Verborgene. Ein so überdimensionierter Verrat wird zum Gedenken und Andenken
Der Schriftzug, der Begriff, das Wort, die Kurzform ist nach nunmehr über 20 Jahren der Auflösung dieses Ministeriums international bekannt. Das englischsprachige Wikipedia listet STASI als Schlagwort auf. Somit steht dieser Begriff nicht nur für das MfS, sondern für die Gesamtheit des DDR-Überwachungsapparates. Der denunziatorische Ton des Wortes verkehrte schon zu DDR-Zeiten die Rollen zwischen Anzeigen und Verratenwerden: „…Stasi! Stasischwein! Der ist Stasi!“ Das Geheime, das Verdeckte wird zum Negativlogo, zum Synonym für jene Form von kollektiver Freiheitsberaubung und Erniedrigung, wie sie durch dieses Ministerium institutionalisiert wurde. Ein Wort genügt, ein Wort wird zur mahnenden Gedenksymbol.
Der Schriftzug kann für weitere Markierungen im Außenraum genutzt werden. Hier wird von der durchschnittlichen Größe einer Person ausgegangen, der Informationsstelen zu Grunde liegen. Vervielfältigt, verteilt um das Gelände in den anliegenden Straßenzügen leitet das zur Skulptur gewordene Logo zum Hauptschriftzug. Jede Stele trägt den weithin sichtbaren Schriftzug und kann bei näherer Betrachtung für zusätzliche Informationen Verwendung finden.
Bild 1: Der übermächtige Schriftzug benutzt den in der DDR weit verbreiteten Schriftfont „Super Grotesk“. Wie ein vom Dach abmontiertes Firmenlogo scheint es auf dem Vordach abgestellt zu sein.


Bild 2: Durch ihre angewinkelte Position ermöglicht die „Leuchtreklame“ ihre Lesbarkeit von beiden Zugängen auf das Gelände. Dennoch bleibt es eine skulpturale Geste, die durch die Volumen der Buchstaben formuliert wird.
Bild 3: Das Symbol verrät übergroß das ehemals Geheime und thront wie ein stummer Vorwurf auf der Sichtblende zum Haupteingang. Wie aus den Angeln gehoben wird das Wort zum monumentalen Denkzettel an der Fassade des Gebäudes.
Bild 4: Aus dem Gebäude gesehen sind die Seiten verkehrt. Der Besucher steht in den authentischen Räumen des Museums auf der falschen Seite. Von hier aus lässt sich der in dem Begriff implizierte Irrsinn begreifen.
Bild 5: Auch von hoher Entfernung ist die Schrift noch gut lesbar und wird zum Magneten. Durch seine hohe internationale Bekanntheit sind die fünf Buchstaben für Besucher unterschiedlicher Herkunft kein Geheimnis mehr.

11. Januar 2011
DANKE: Ein Entwurf für das Deutsche Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin
Danke: Eine Zusammenarbeit für den Wettbewerb zum Deutschen Einheits- und Freiheitsdenkmal von INGES IDEE und VIA LEWANDOWSKY
Am Ort des des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals wird eine aus 8 unterschiedlich großen, sich gegenseitig durchdringenden Stahlkugeln bestehende Skulptur errichtet.
Der im Oktober 1945, insbesondere durch den Oberbürgermeister Berlins initiierte Abriss des im Krieg unversehrt gebliebenen Kaiser-Wilhelm-Denkmals und der geplante Bau eines Denkmals für die Opfer des Faschismus machen gerade diesen Ort für eine Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte so bedeutungsvoll. Ein Wiederaufbau des alten Denkmals kommt der Verweigerung gegenüber einer bewussten Auseinandersetzung mit den nationalen, historischen Ereignissen gleich.
Ein deutsches Freiheits- und Einheitsdenkmal hat eine politische Verantwortung, die über die nationalen Grenzen hinausreicht. Neben den bisherigen Plätzen in Berlin, die mit einer starken Aura und durch ihre Authentizität dokumentarischen Charakter haben, wird dieser Ort sich durch ein neues Bild erfinden müssen.
Auf der Grundlage der wiederhergestellten Anlage – dem Sockel ohne Denkmalsfigur, Zierfiguren und Kolonnaden – wird eine Denkmalsform geschaffen, die sich bewusst von einer architektonischen Herangehensweise distanziert. Dabei wird ein zentrales skulpturales Motiv entwickelt, das traditionelle Elemente mit visionären Formen verbindet.
Die aus Kugelbausteinen bestehende Form ist die Abstraktion einer Vielzahl von Metaphern.
Als Grundbaustein die Kugel zu wählen, folgt dem Bild von Kuppelbauten, Molekular- und Zellstrukturen, Sphärenmodellen und Globen. Das Bild der Kugel vereint den extremen Gegensatz eines physisch unteilbaren Atoms und einer fragilen Seifenblase genauso wie den vielteiliger Zellstrukturen und Schaum. Immer geht es um die Metapher eines lebendigen Zusammenhanges, einer Einheit, eines Verbundes.
Mit dem Bild der Kugel ist ein hohes Abstraktionsvermögen verbunden. Als Universalform bei der Darstellung komplexer wissenschaftlicher Inhalte ermöglicht die Kugel in schematischen Modellen eine dem menschlichen Auge entzogene Sichtbarkeit.
Die Größe der Kugeln ergeben in Abhängigkeit der Entfernung des Betrachters ein perspektivisches Spiel, das die wahre Dimension nicht erkennen lässt. Durch die Leichtigkeit des Balancieren auf einer Kugel wird zusätzlich die Schwere des Gesamtkörpers aufgehoben.
Die Anzahl der Kugeln folgt keiner bestimmten Intention. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Interpretationsvielfalt mit einer grundsätzlichen Neigung zur allgemeinen positiven Bedeutung, die der Zahl Acht zugrunde liegt. Die Anordnung und die Größe der Kugeln lässt jedoch ein Erkennen der Anzahl nicht zu.
Die runden Linien der Außenkanten heben sich gegen die Vertikalen und Horizontalen der umgebenden Architektur ab. Die Bögen veranschaulichen Kräfte, die nach Innen und Außen streben. Frei stehend auf dem leeren Platz eröffnet die Skulptur eine Vielzahl an Sichtachsen und Verbindungen.
Das Denkmal ist eine Skulptur als Reflexionsmodell in einer polymorphen Welt.
Erinnerungskultur in dieser Dimension ist auch immer Teil einer internationalen Erlebniskultur. Insbesondere wenn der Anlass des Gedenkens einen so positiven, emotionalen, weltweiten Sturm ausgelöst hat. Damit kommt der Lesbarkeit des Denkmals auch für Besucher mit unterschiedlichem kulturellem und historischem Hintergrund eine große Bedeutung zu.
Das Denkmal hat kein Zentrum und keinen Mittelpunkt. Die Leichtigkeit der scheinbaren Zufälligkeit in ihrer Anordnung wird zur unlösbaren Aufgabe. Ein Rätsel, das Fragen stellt zu Größe und Zusammenhalt, zu Volumen und ihre Schnittmengen, zum Standort und seiner Umgebung.
Das Denkmal ist keine Darstellung einer äußeren Erscheinung wie ein Muskelspiel von Pferden oder Gesichtszüge einer Denkmalsfigur, sondern zeigt das Bild innerer Zusammenhänge. Es löst das klassische Podest ab. Es geht nicht um die Repräsentation eines historischen Sieges, sondern um die Dialektik von Einheit und Freiheit.
Das Denkmal ist ein Gedankenmodell, ein Gedenk- und Dankmal.
In der Deutschen Geschichte gibt es viele Momente, derer man gedenken kann, aber wenige, für die man danken kann. Gedenken, Denken und Danken, Andenken und Eingedenk sein fallen nach Paul Celan in denselben Bedeutungsbereich. Die Deutsche Einheit hat zu einer Freiheit geführt, für die man historisch dankbar sein kann. Danke.
22. September 2010
AUFWIEDERSEHEN
Ein wischfester Verweis auf die Gegenwart der Abwesenheit:
Ein Entwurf für den Flughafen Berlin – BBI
Man könnte […] im Abdruck eine für dieses Jahrhundert typische Form der Kritik an der klassischen Repräsentation sehen – die jedoch einen grundlegend anderen Weg einschlägt als die Abstraktion, denn statt sich radikal vom dargestellten Gegenstand, vom ‚Realenʼ abzuwenden, wendet der Abdruck sich ihm radikal zu, so radikal, dass er in der Berührung jede optische‚ angemessene Distanzʼ jede Konvention oder Evidenz der Sichtbarkeit, der Erkennbarkeit, der Lesbarkeit subvertiert. (Georges Didi-Huberman, 1999)
Idee und Thesen
Der Übergang von der Land- zur Luftseite, der Ausgang der Grenze zwischen „unsauberem“ und „sauberem“ Bereich wird mit einer Bodenarbeit markiert. Sie benutzt das Bild der Spur eines Reifenabdruckes.
Der zufällige Abdruck einer Fahrzeugspur wird als Bodenintarsie konserviert. Die Umkehrung der scheinbaren Bedeutungslosigkeit eines Profilabdruckes wird zum hochwertigen Bodenschmuck an einer für diesen Ort untypischen Stelle.
Der inszenierte Fleck auf dem Boden führt mit dem Kontrast zwischen der Banalität einer Reifenspur und der Bedeutung des Rades für die Menschheitsgeschichte die Grundbedingung für unsere moderne Mobilität vor.
Der Abdruck lässt nicht erkennen, welches Fahrzeug hier durch den metaphorisch ausgelegten Märkischen Sand der Bodenplatten gefahren ist.
Die filigrane Einlegearbeit simuliert nicht nur die vormalige Anwesenheit von Traktoren, Baumaschinen oder Transportfahrzeugen, sie lässt durch ihre Art der Ausführung weitergehende Assoziationen zu. Das Fischgrätenmuster der Reifen wird zum fossilen Abdruck. Die Struktur der stilisierten Pfütze könnte auch ein Landschaftsbild aus der Perspektive des Flugzeugpassagiers sein.
Die Umkehrung des Bildes eines temporären Zustands in einen permanenten verweist auf die Frage nach der Relativität von Zeit unserer beschleunigten Reiseerfahrungen. Es wird der Langsamkeit des Traktors, der noch vor einigen Jahren an dieser Stelle über den Acker
gefahren ist, gedacht.
Begründung
Der Ausgang aus dem Bereich der Sicherheitsprüfung führt die jetzt „sauberen Fluggäste“ auf dem Weg zum Gate zur nächsten Station durch einen Korridor, einen Vorraum. In diesem kurzen Durchgangsbereich wird sich der Fluggast nur wenige Sekunden aufhalten. Eine Ausnahme bilden alle jene in Gruppen und als Paare Reisende, die hier aufeinander warten werden. Dieser Raum wird stärker als andere Bereiche durch seine Transitfunktion bestimmt sein. Leit- und Informationssysteme werden das Raumbild dominieren.
Die Aufmerksamkeit richtet sich je nach der verbleibenden Zeit bis zum Abflug, je nach Häufigkeit der Benutzung dieses Flughafens auf das nächste Ziel: „Marktplatz“ oder Wartebereich am Gate.
Auf das kurze Zeitfenster für die Entdeckung und der Betrachtung einer Arbeit wird mit dem Bild, das im ersten Augenblick temporär erscheint, geantwortet. Der dunkle Fleck, die Radspur erweist sich beim interessierten zweiten Blick als fester und dauerhafter Bestandteil des Bodens. Spätestens jetzt wird die Irritation des Wahrnehmungsprozesses eine Erkenntnis auslösen.
Der wertvolle Reifenabdruck wird zur auratischen Markierung. Als hervorgehobene Spur einer reproduzierten Spur verweist sie auch auf alle Spuren und Abdrücke, die symbolisch für den mobilen Fortschritt stehen. Die Spuren der Reifen des Mondfahrzeugs der Apollo-Mission und der Mars-Roverketten sind die medialen Belege für eine Realität mobiler Utopien.
Diese Spur, diese „Berührung der Abwesenheit“ (Hubermann) wird sich wie ein lieb gewordener Eindringling aus einer anderen Zeit und aus einem anderen Zustand immer wieder neu erklären. Eine Abnutzung dieser Stelle im Bodenbelag ist unmöglich. Wie ein geheimnisvoller Gast, eine Hieroglyphe hinterlassen von den Erbauern des Gebäudes wird diese Spur eine bleibende Kraft zwischen zwei Zeiten aufrecht erhalten. Die Spur als allgegenwärtiger Ausdruck „von etwas, das fortgegangen ist und das doch bei uns bleibt, in unserer Nähe bleibt, um uns ein Zeichen seiner Abwesenheit zu geben.“
Konservieren eines transitorischen Moments durch Inkrustation
Der Übergang vom Boden in die Luft ist ein kurzer performativer Augenblick. Es ist die Kürze der Zeit, die zum Beispiel Wasser braucht, bis es vom Asphalt oder nach dem Wischen vom Fußboden verdunstet ist. Diese Spuren sind von kurzer Dauer. Etwas länger halten sich Spuren im Sand, aber auch der Märkische Sand lässt keine lange Verweildauer zu. Neue Spuren löschen die alten aus.
Die Intarsien der Reifenspur werden in poliertem Marmor ausgeführt. Damit stehen sie in der Materialbedeutung einer alten Handwerkskunst, der Inkrustation. Die Rückführung in eine Umsetzung antiker Handwerkskunst ist ein Verweis auf die Interpretation als Darstellung eines archäologischen Fundes.
In ihrer Anordnung verlaufen sie in der Richtung des Weges der Fluggäste. Auf jeder Seite wird das Motiv leicht variiert, aber nicht grundsätzlich anders sein. Ähnlich den Abklatsch-Motiven eines Faltbildes stellen beide Seiten spiegelverkehrt das jeweilig andere dar.
12. September 2010
Street Life (Street Live)
Die Mängelliste der sozialistischen Betriebswirtschaft ist lang, sie war zu lang. Trotzdem ist es eine Ironie der Zeit, geradezu ein teuflischer Anachronismus, dass die Privatisierung von Volkseigentum die neuen Volkswirtschaften beflügelt. Zum Totlachen zumindest dann, wenn man treu dem Paradigma der politischen Ökonomie folgt, wie sie in den sozialistischen Ländern gepredigt wurde.
Von einer Straßenlaterne Licht für private Zwecke abzuzweigen, war zu Ostblockzeiten im übertragenen Sinn, was das Anzapfen diverser Leitungen betraf, durchaus üblich. Noch heute gibt es Länder in denen ganze Viertel an irgendwelchen staatlichen Leitungen hängen. Man muss aber gar nicht so weit schweifen. Hausbesetzer in westlichen Ländern beanspruchen legitimiert durch ihre strenge Auslegung marxistischer Theorien auch immer wieder mal vom Staat und dementsprechend vom steuerzahlenden Nachbarn bestimmte Leistungen gratis.
Eine Straßenlampe, die sich weit in das offen stehende Fenster einer Privatwohnung neigt, könnte aber noch auf eine andere Fährte locken. Es ist die Öffentlichkeit, die in das Private eindringt. Der Lichtschalter ist unerreichbar, die Nacht wird im Wohnzimmer zum Tag gemacht, ob man will oder nicht.
Im Fall der konkreten Installation kann man aber den Stecker ziehen, da selbst der Kunst im postsozialistischen Polen der Zugang zur städtischen Straßenbeleuchtung verwehrt blieb. In diesem Punkt steckt selbst zwanzig Jahre später der reale Sozialismus noch tief in den Knochen: Was nicht sein darf, das nicht sein kann, auch, wenn man es früher hin und wieder gern getan hat.
9. April 2010
Kunstbrand
Unter Kunstbrand versteht man, wenn man den ersten Stichworten bei Google folgt, eine töpferische Leistung. Daran ist vermutlich das Wort Kunst schuld. Dabei gäbe es so schöne Bedeutungsmöglichkeiten, die uns im Zusammenhang von Kunst und Feuer oder auch im Sinne der Brandung bereichern könnten. Zumindest kann man spätestens auf der dritten Stichwortseite Kunstbrand mieten oder für 40 Prozent Ersparnis kaufen. Kunstbrand gibt es also nun auch zu Tiefpreisen. Das ist zwar nicht ganz im Sinne einer etymologischen Logik, aber kommt der Sache schon etwas näher. In früheren Zeiten war vieles, das angebrannt, gebrannt oder verbrannt war, eher ein Zeichen für geringe Wertschätzung. Das Brandmark war sogar die öffentliche Warnung vor der Wert zersetzenden Einstellung einer Person. Die Brandschatzung galt im Allgemeinen als das Gegenteil von Wertschöpfung. Doch die Kunst schafft, es jenseits von hochwertigen Keramikprodukten aus Gebranntem, Verbranntem oder Angebranntem einen signifikanten Wert zu schöpfen. Der chinesische Künstler Xu Bing tut das eindrucksvoll mit der Asche des World Trade Center. Andere haben mit Asche (Zhang Huan) oder Ruß (Jiri Dokoupil) Bilder gemalt. Die Liste der mit Feuer arbeitenden Künstler ist nicht nur durch die Schaustellerei, bei der gern auch effektvoll gekokelt wird, lang. Verbrennen ist die radikalste physische Zumutung, bei der jedes Material in blasses, lichtloses Nichts verwandelt wird. Das ist die Faszination, der Vorgang, der Brand an sich. Selbst die majestätischen Wassermassen, die sich am Ufer brechen, müssen sich zumindest sprachlich diesem Bild unterordnen, Brandung.
Verbrennen von 40 Ausstellungssockeln aus dem Bestand der Nationalgalerie Helsinki anlässlich der Ausstellung „Borders and Beyond“ in der Taidihalli Helsinki.
18. Dezember 2009
Konfettiparade
Beitrag zum „Lichtfest“ in Leipzig am 9. Oktober 2009
Bei aller Freude über den Jahrestag der „Friedlichen Revolution“ sollte man nicht vergessen und daran erinnern, wer beim Demonstrieren nebenan stand. Die Installation „Konfettiparade“ tat das zum 20. Jahrestag der Montagsdemonstrationen in Leipzig. Das über den feiernden Menschen mittels einer Kanone ausgeschüttete Konfetti bestand aus kleinen Visitenkarten, auf denen ein Deckname und ein Beruf zu lesen war. Die Zehntausend anonymen Inlandsspione wurden aus den Unterlagen der Birthler-Behörde des Verwaltungsbezirkes Leipzig entnommen und gehören zu den etwa 11 000 aktiven Inoffiziellen Mitarbeitern des Stasi im Jahr 1989. Bundesweit waren etwa 200 000 Nebenberufstätige im Dienst für die Sicherheit des Volkes. Wie eine unfreiwillige Werbemaßnahme verstreuten sich die Kärtchen auf der Straße, wurden zertreten oder als Andenken aufgelesen. Die Klarnamen, die sich hinter den Phantasienamen verbergen kennen nur wenige. Es ist zwar fraglich, ob die, die damals mit marschiert sind, wieder dabei waren und sich auf eine der Karten wieder fanden. Viele von ihnen leben heute ohne jegliches Schuldbewusstsein für das, was sie ihren Mitmenschen zugemutet haben. Für alle anderen, vor allem für jüngere Generationen, die in der DDR eher eine Wohlfühl-Republik mit Kultstatus sehen, sollte der laute Knall und das Zischen der Kanone aus dem Häschen DDR wieder das machen, was sie war, ein Überwachungsstaat, der wenig Sinn für Humor hatte.
VL

Alte Reflexe: Aufsammeln, um sich zu freuen oder vermeintliches Beweismaterial verschwinden zu lassen.
FIM -> Führungs-Inoffizieller Mitarbeiter
IM -> Inoffizieller Mitarbeiter
IMS -> Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit
HIM -> Hauptamtlicher Mitarbeiter Sicherheit
IMK -> Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration
GMS -> Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit
OibE -> Offizier im besonderen Einsatz
IMB -> Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindverbindung
3. November 2009
как жаль (ach, schade)
Installation zu „Art on Site“, New Center of Contemporary Art, Moskau, 2009
30 Ausstellungssockel, angebrannt, Schriftzug „как жаль“
Jeder Brand ist ein irreversibler Vorgang, Entropie. Ein Brand vernichtet und äschert ein. Erfolgt er beabsichtigt, bedeutet er Protest, Demonstration oder Ritual. Unbeabsichtigt ist er immer eine Katastrophe. 1970 verbrennt John Baldessari seine gesamte Malerei. 2004 verbrennen in einem Londoner Lager große Bestände der Saatchi-Sammlung.
In beiden Fällen bedeutet Brand Gewinn und Verlust in einem. Der Gewinn ist die Gewissheit des Verschwundenen, das unwiderruflich ausgelöscht bleibt. Der Verlust ist das gerade Aufgegebene, dass bereit ist, sich in einen symbolischen Zustand umzuwandeln. Die Ereignisse sind austauschbar.
Dreißig Mal ist ein Sockel soweit verbrannt, bis er unbrauchbar geworden ist. Dreißig Mal zeigt dieses nun nutzlos gewordene Museumsutensil eine durch Brandspuren entstandene Gestalt, ein ästhetisches Gebilde, geformt durch einen künstlerischen Akt von Vandalismus.
Wie in einem Sammellager, einem Depot für forensische Artefakte bildet diese Gruppe eine architektonische Landschaft. Die Ordnung der symmetrischen Reihen erscheint als letzter Versuch, der geschehenen Katastrophe etwas schönes abzuringen – so wie die Ruinen einer ausgebrannten Stadt dem Horror eine bizarre Verzauberung verleihen.
Allein der Schriftzug kommentiert die rußige Aura mit einem Seufzer.




24. Oktober 2009
„ach, schade“ – Abschied von Moskau
Nach dem dritten und letzten Aufenthalt innerhalb eines Jahres ist die Neugierde fürs Erste befriedigt. Die Frage, ob ich Moskau mag oder nicht, bleibt offen. Jeder der Besuche brachte mich dem Moloch näher, aber auch dem beängstigenden Gefühl, hier am bröckligen Rand Europas, an einem tiefen Abgrund zu stehen. Zweifellos haben die großen russischen Städte, allen voran Moskau, einen gewaltigen Kraftakt bei der Instandsetzung ihres Wohlbefindens geleistet. Dennoch bleiben zahllose Seufzer. Die russische Seele scheint zweifellos der stärkste Treibstoff tiefer Seufzer zu sein. Das Prinzip Vergessen, Schweigen, Zurückkehren sitzt unüberwindbar in jeder Faser russischen Denkens. Ein Land das jahrzehntelang von der Diktatur des in ferne Utopien Blickens geprägt war, will das Neue unter anderem nur um den Preis der Erhaltung des Privilegienprinzipes. Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Minderheitenschutz, eine endlose Liste, für ein Drittweltland wenig überraschender Themen, sind hier nett umhüllt mit den Potemkinschen Fassaden westlichen Aufbruchs. Ein Land, dass einerseits meint vor Ressourcen aus den Nähten platzen zu müssen, lässt sich vom IWF Geld geben, um seine von apokalyptischen Ausmaß fortschreitende Aids-Epidemie zu bekämpfen. Es ist einfach nicht einzusehen, dass lautstark auf China eingeschlagen wird, von der Polizei verprügelte chinesische Künstler als Märtyrer in medialen Sänften durch den Westen getragen werden, während in Russland seit Putin hunderte Journalisten erschossen, vergiftet, in die Luft gesprengt wurden. Die Selbstverpflichtung zum kollektiven Leiden wird vom Westen, wenn überhaupt wahrgenommen, mit Bewunderung goutiert. Aber vielleicht ist auch die Macht des Bösen so stark, so nah, so unbegreiflich wie ungeschminkt, dass der Westen lieber seiner guten alten Opportunistenschwäche anheim fällt und schweigt. Denn, wer nicht schweigt, wird in guter alter Stalinistischer Manier an den Rand gedrängt, als inkompetent gedemütigt und ausgesondert.
So seufzt man einfach weiter vor sich hin. Und weiß, dass man wiederkommen wird und wieder staunen wird, staunen über das eigene Staunen. So, wie es die vielen nach der Heimat sehnsuchtskranken Dissidenten, Wirtschaftsflüchtlinge, geschassten Oligarchen tun. Kein Exil kann so schön sein, dass es Russland und seine unheimliche Faszination zu ersetzen vermag.
VL

Der Lärm einer Maschinenhalle ähnlich hängt wie eine Glocke über dem friedlichen Anblick.

Vor 22 Jahren hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Moskau westlich wird.

Vor Neo-Stalinburgen ruhen die fliegenden Wachhunde der Utopien von gestern.

Der Sieg der Freiheit ist oft nur eine Illusion, der schöne Schein wird manchmal wieder von der Vergangenheit eingeholt.

Sanierung des Narkomfin-Hauses, der ersten sowjetischen Kommune erbaut von dem Vertreter des sowjetischen Konstruktivismus Moisei Ginsburg.

Bei allen Veränderungen wird es ein Traum bleiben, dass das verruchte Gebäude an der Lubjanka zum Museum für die Opfer des Stalin-Terrors wird.

Letzte Spuren einer Wildwest-Vermarktwirtschaftlichung des ganzen Landes.

Lenin blickt auf dem Leningrader Bahnhof in Richtung St. Petersburg, nur ein Werbebildschirm versperrt ihm die Aussicht.

Wie vor 22 Jahren verlasse ich die Stadt mit dem Zug.

Beim Anblick des Bordrestaurants kommen unweigerlich nostalgische Gefühle auf.

Vielleicht hilft mir die elektrische Kreml-Pille, meinen Abschied besser zu verdauen.
2. Oktober 2009
Goldner Schuss verfehlt
Tiefen höhen (oder über den Gewinn der Leere)
Ein Wettbewerbsbeitrag für die Staatsbibliothek Berlin (Im derzeit laufenden Verfahren leider nicht nominiert.)
Bei der Renovierung und Rekonstruktion eines Gebäudes ist es üblich, alle Beschädigungen zu beseitigen, die Spuren vergangener Ereignisse der Zerstörung zu löschen. An Steinfassaden werden dabei unterschiedliche Möglichkeiten der baulichen Wiederherstellung zum Einsatz gebracht. Entweder wird die Fassade großflächig mit neuen Steinen wieder instand gesetzt oder es werden beim Erhalt wesentlicher Bestandteile partielle Reparaturen vorgenommen. Dadurch ergeben sich oft, trotz Verwendung des gleichen Steinmaterials und dem farbigen Angleichen der neuen und der alten Steine, fleckige Fassadenstrukturen. Sie sind bei alten Gebäuden mit Kriegsbeschädigungen in Berlin oft die letzten Spuren einer selbstverschuldeten Katastrophe. Sie sind der eingefrorene Moment eines traumatischen Augenblickes.
Gegenstand der Idee ist es, einen Teil der durch Granatsplitter und Geschosse entstandenen kraterförmigen Vertiefungen zu konservieren und hervorzuheben. Das erfolgt in mehreren Schritten. Zuerst werden die ausgewählten Einschusslöcher in einem bestimmten Bereich kartografiert, abgegossen. Dann werden die Vertiefungen mit einer Ölblattvergoldung versehen. Die Abformungen werden wiederum in Gold abgegossen und an einer anderen Stelle im Innenbereich der Bibliothek in gleicher Position, nur diesmal positiv, angebracht.
Mit dieser Form der Höhung wird der Artefakt umgewertet, der Kriegsschaden zum Gewinn für die Aufarbeitung. Der Ersatz des verloren gegangenen Bruchstückes durch Gold und die Anordnung an anderer Stelle wird zum ökonomisch bewertbaren Gegenstück, zum Leerraum des authentischen Ortes. Auf diese Weise werden Innen und Außen, Verlust und Ersatz, Immaterialität und Materialität, Gedenken und Bedenken miteinander verbunden.
Somit wird an einer kleinen, fast nicht wahrnehmbaren Stelle die Rekonstruktion des Gebäudes umgeleitet, eine andere Rekonstruktion an unbedeutender Stelle zum Ort der Aufmerksamkeit für das unfassbare Geschehen der Geschichte und die Verletzlichkeit der geistigen Leistungen, die in einer Bibliothek versammelt sind, gemacht.
Vorgesehen für diesen minimalen Eingriff am Gebäude sind die beiden Spiegelflächen an den Säulen der Lindenhalle, die zum Ehrenhof zeigen. Für die Spiegelung der Topographie der Zerstörung werden die beiden Säulen am Treppenaufgang zum Bibliothekssaal vorgeschlagen. Die Installation sollte in der Form eingelassener und hinterleuchteter, flacher Vitrinen ausgeführt werden. Damit lösen sich die positiven Abgüsse von der eigentlichen, statischen Verbindung zum Gebäude und beginnen zu schweben. Mit der Auswahl der beiden Standorte wird die zentrale Achse des Gebäudes durch den konservierten und reproduzierten Makel der Zerstörung betont.

Eine der zwei Säulen am Eingang

Einschusslöcher in der Spiegelfläche

Schaden bleibt eine Fehlstelle

Nach dem Abgießen die Leerstelle mit Blattgold auslegen

Die Abgüsse in Gold als Karte der Fehlstellen

























