Via Lewandowsky

3. November 2009

как жаль (ach, schade)

Gespeichert unter: Arbeiten, Moskau — vialewando @ 15:14

Installation zu „Art on Site“, New Center of Contemporary Art, Moskau, 2009

30 Ausstellungssockel, angebrannt, Schriftzug „как жаль“

Jeder Brand ist ein irreversibler Vorgang, Entropie. Ein Brand vernichtet und äschert ein. Erfolgt er beabsichtigt, bedeutet er Protest, Demonstration oder Ritual. Unbeabsichtigt ist er immer eine Katastrophe. 1970 verbrennt John Baldessari seine gesamte Malerei. 2004 verbrennen in einem Londoner Lager große Bestände der Saatchi-Sammlung.
In beiden Fällen bedeutet Brand Gewinn und Verlust in einem. Der Gewinn ist die Gewissheit des Verschwundenen, das unwiderruflich ausgelöscht bleibt. Der Verlust ist das gerade Aufgegebene, dass bereit ist, sich in einen symbolischen Zustand umzuwandeln. Die Ereignisse sind austauschbar.
Dreißig Mal ist ein Sockel soweit verbrannt, bis er unbrauchbar geworden ist. Dreißig Mal zeigt dieses nun nutzlos gewordene Museumsutensil eine durch Brandspuren entstandene Gestalt, ein ästhetisches Gebilde, geformt durch einen künstlerischen Akt von Vandalismus.
Wie in einem Sammellager, einem Depot für forensische Artefakte bildet diese Gruppe eine architektonische Landschaft. Die Ordnung der symmetrischen Reihen erscheint als letzter Versuch, der geschehenen Katastrophe etwas schönes abzuringen – so wie die Ruinen einer ausgebrannten Stadt dem Horror eine bizarre Verzauberung verleihen.
Allein der Schriftzug kommentiert die rußige Aura mit einem Seufzer.

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24. Oktober 2009

„ach, schade“ – Abschied von Moskau

Gespeichert unter: Moskau — vialewando @ 00:11

Nach dem dritten und letzten Aufenthalt innerhalb eines Jahres ist die Neugierde fürs Erste befriedigt. Die Frage, ob ich Moskau mag oder nicht, bleibt offen. Jeder der Besuche brachte mich dem Moloch näher, aber auch dem beängstigenden Gefühl, hier am bröckligen Rand Europas, an einem tiefen Abgrund zu stehen. Zweifellos haben die großen russischen Städte, allen voran Moskau, einen gewaltigen Kraftakt bei der Instandsetzung ihres Wohlbefindens geleistet. Dennoch bleiben zahllose Seufzer. Die russische Seele scheint zweifellos der stärkste Treibstoff tiefer Seufzer zu sein. Das Prinzip Vergessen, Schweigen, Zurückkehren sitzt unüberwindbar in jeder Faser russischen Denkens. Ein Land das jahrzehntelang von der Diktatur des in ferne Utopien Blickens geprägt war, will das Neue unter anderem nur um den Preis der Erhaltung des Privilegienprinzipes. Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Minderheitenschutz, eine endlose Liste, für ein Drittweltland wenig überraschender Themen, sind hier nett umhüllt mit den Potemkinschen Fassaden westlichen Aufbruchs. Ein Land, dass einerseits meint vor Ressourcen aus den Nähten platzen zu müssen, lässt sich vom IWF Geld geben, um seine von apokalyptischen Ausmaß fortschreitende Aids-Epidemie zu bekämpfen. Es ist einfach nicht einzusehen, dass lautstark auf China eingeschlagen wird, von der Polizei verprügelte chinesische Künstler als Märtyrer in medialen Sänften durch den Westen getragen werden, während in Russland seit Putin hunderte Journalisten erschossen, vergiftet, in die Luft gesprengt wurden. Die Selbstverpflichtung zum kollektiven Leiden wird vom Westen, wenn überhaupt wahrgenommen, mit Bewunderung goutiert.  Aber vielleicht ist auch die Macht des Bösen so stark, so nah, so unbegreiflich wie ungeschminkt, dass der Westen lieber seiner guten alten Opportunistenschwäche anheim fällt und schweigt. Denn, wer nicht schweigt, wird in guter alter Stalinistischer Manier an den Rand gedrängt, als inkompetent gedemütigt und ausgesondert.
So seufzt man einfach weiter vor sich hin. Und weiß, dass man wiederkommen wird und wieder staunen wird, staunen über das eigene Staunen. So, wie es die vielen nach der Heimat sehnsuchtskranken Dissidenten, Wirtschaftsflüchtlinge, geschassten Oligarchen tun. Kein Exil kann so schön sein,  dass es Russland und seine unheimliche Faszination zu ersetzen vermag.

VL

Der Lärm einer Maschinenhalle ähnlich hängt wie eine Glocke über dem friedlichen Anblick.

Der Lärm einer Maschinenhalle ähnlich hängt wie eine Glocke über dem friedlichen Anblick.

Vor 22 Jahren hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Moskau westlich wird.

Vor 22 Jahren hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Moskau westlich wird.

Vor Neo-Stalinburgen ruhen die fliegenden Wachhunde der Utopien von gestern.

Vor Neo-Stalinburgen ruhen die fliegenden Wachhunde der Utopien von gestern.

Der Sieg der Freiheit ist oft nur eine Illusion, der schöne Schein wird manchmal wieder von der Vergangenheit eingeholt.

Der Sieg der Freiheit ist oft nur eine Illusion, der schöne Schein wird manchmal wieder von der Vergangenheit eingeholt.

Sanierung des Narkomfin-Hauses, der ersten sowjetischen Kommune erbaut von dem Vertreter des sowjetischen Konstruktivismus Moisei Ginsburg.

Sanierung des Narkomfin-Hauses, der ersten sowjetischen Kommune erbaut von dem Vertreter des sowjetischen Konstruktivismus Moisei Ginsburg.

Bei allen Veränderungen wird es ein Traum bleiben, dass das verruchte Gebäude an der Lubjanka zum Museum für die Opfer des Stalin-Terrors wird.

Bei allen Veränderungen wird es ein Traum bleiben, dass das verruchte Gebäude an der Lubjanka zum Museum für die Opfer des Stalin-Terrors wird.

Letzte Spuren einer Wildwest-Vermarktwirtschaftlichung des ganzen Landes.

Letzte Spuren einer Wildwest-Vermarktwirtschaftlichung des ganzen Landes.

Lenin blickt auf dem Leningrader Bahnhof in Richtung St. Petersburg, nur ein Werbebildschirm versperrt ihm die Aussicht.

Lenin blickt auf dem Leningrader Bahnhof in Richtung St. Petersburg, nur ein Werbebildschirm versperrt ihm die Aussicht.

Wie vor 22 Jahren verlasse ich die Stadt mit dem Zug.

Wie vor 22 Jahren verlasse ich die Stadt mit dem Zug.

Beim Anblick des Bordrestaurants kommen unweigerlich nostalgische Gefühle auf.

Beim Anblick des Bordrestaurants kommen unweigerlich nostalgische Gefühle auf.

Vielleicht hilft mir die elektrische Kreml-Pille, meinen Abschied besser zu verdauen.

Vielleicht hilft mir die elektrische Kreml-Pille, meinen Abschied besser zu verdauen.

2. Oktober 2009

Goldner Schuss verfehlt

Gespeichert unter: Arbeiten — vialewando @ 22:46

Tiefen höhen (oder über den Gewinn der Leere)
Ein Wettbewerbsbeitrag für die Staatsbibliothek Berlin (Im derzeit laufenden Verfahren leider nicht nominiert.)

Bei der Renovierung und Rekonstruktion eines Gebäudes ist es üblich, alle Beschädigungen zu beseitigen, die Spuren vergangener Ereignisse der Zerstörung zu löschen. An Steinfassaden werden dabei unterschiedliche Möglichkeiten der baulichen Wiederherstellung zum Einsatz gebracht. Entweder wird die Fassade großflächig mit neuen Steinen wieder instand gesetzt oder es werden beim Erhalt wesentlicher Bestandteile partielle Reparaturen vorgenommen. Dadurch ergeben sich oft, trotz Verwendung des gleichen Steinmaterials und dem farbigen Angleichen der neuen und der alten Steine, fleckige Fassadenstrukturen. Sie sind bei alten Gebäuden mit Kriegsbeschädigungen in Berlin oft die letzten Spuren einer selbstverschuldeten Katastrophe. Sie sind der eingefrorene Moment eines traumatischen Augenblickes.

Gegenstand der Idee ist es, einen Teil der durch Granatsplitter und Geschosse entstandenen kraterförmigen Vertiefungen zu konservieren und hervorzuheben. Das erfolgt in mehreren Schritten. Zuerst werden die ausgewählten Einschusslöcher in einem bestimmten Bereich kartografiert, abgegossen. Dann werden die Vertiefungen mit einer Ölblattvergoldung versehen. Die Abformungen werden wiederum in Gold abgegossen und an einer anderen Stelle im Innenbereich der Bibliothek in gleicher Position, nur diesmal positiv, angebracht.

Mit dieser Form der Höhung wird der Artefakt umgewertet, der Kriegsschaden zum Gewinn für die Aufarbeitung. Der Ersatz des verloren gegangenen Bruchstückes durch Gold und die Anordnung an anderer Stelle wird zum ökonomisch bewertbaren Gegenstück, zum Leerraum des authentischen Ortes. Auf diese Weise werden Innen und Außen, Verlust und Ersatz, Immaterialität und Materialität, Gedenken und Bedenken miteinander verbunden.

Somit wird an einer kleinen, fast nicht wahrnehmbaren Stelle die Rekonstruktion des Gebäudes umgeleitet, eine andere Rekonstruktion an unbedeutender Stelle zum Ort der Aufmerksamkeit für das unfassbare Geschehen der Geschichte und die Verletzlichkeit der geistigen Leistungen, die in einer Bibliothek versammelt sind, gemacht.

Vorgesehen für diesen minimalen Eingriff am Gebäude sind die beiden Spiegelflächen an den Säulen der Lindenhalle, die zum Ehrenhof zeigen. Für die Spiegelung der Topographie der Zerstörung werden die beiden Säulen am Treppenaufgang zum Bibliothekssaal vorgeschlagen. Die Installation sollte in der Form eingelassener und hinterleuchteter, flacher Vitrinen ausgeführt werden. Damit lösen sich die positiven Abgüsse von der eigentlichen, statischen Verbindung zum Gebäude und beginnen zu schweben. Mit der Auswahl der beiden Standorte wird die zentrale Achse des Gebäudes durch den konservierten und reproduzierten Makel der Zerstörung betont.

Eine der zwei Säulen am Eingang

Eine der zwei Säulen am Eingang

Einschusslöcher in der Spiegelfläche

Einschusslöcher in der Spiegelfläche

Schaden bleibt eine Fehlstelle

Schaden bleibt eine Fehlstelle

Nach dem Abgießen die Leerstelle mit Blattgold auslegen

Nach dem Abgießen die Leerstelle mit Blattgold auslegen

Die Abgüsse in Gold als Karte der Fehlstellen

Die Abgüsse in Gold als Karte der Fehlstellen

7. September 2009

Tischgebet (Verbrenne, was du angebetet hast, und bete an, was du verbrannt hast.)

Gespeichert unter: Arbeiten — vialewando @ 14:29

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20. Juli 2009

Na, Bravo (Encore)

Gespeichert unter: Arbeiten — vialewando @ 21:34

Es gibt Orte, an denen man nicht applaudiert. Zum Beispiel auf dem Friedhof. Dort ist das Schweigen eine angemessene Form der Würdigung. Dabei gäbe es auch hier genügend Gründe vor dem einen oder anderen Grab posthume Anerkennung durch das Aufeinanderschlagen der Hände Ausdruck zu verleihen. Doch durch die Abwesenheit des zu Beklatschenden fällt es uns schwer, darin einen Sinn zu sehen. Wenn man nun mit künstlerischen Mitteln das tut, was man als deplaziert bezeichnen würde, erreicht man ein interessantes Ergebnis: Besinnung. Nichts anderes will die Klanginstallation auf dem Schlossplatz, ein Ort voller denkwürdiger Momente. Die digital herbeigeschafften PLAUSORES (in der Antike hoch bezahlte Claqueure) werfen die Frage auf: warum, für wen wird jetzt hier applaudiert? Der Ort ist leergeräumt; Baufreiheit in Form einer temporären Liegewiese ist doch mehr besinnlich als anerkennungswürdig. Es kann also nur um die Abwesenheit gehen. Abwesenheit von dem, was hier war und hier sein wird. Der vom ‚Band‘ abgespielte Beifall könnte als Animation wie bei einer Talkshow oder Soap Opera gemeint sein oder daran erinnern, dass hier schon öfters aus sehr unterschiedlichen Gründen applaudiert wurde.
Die zehnminütige Applauskomposition besteht aus zwei Applaudierenden, deren unterschiedliches Klatschen technisch vervielfacht wurde. Das damit entworfene Klangbild reicht vom realistischen Beifallssturm bis zur abstrakten Soundkulisse. Denn das Geräusch des Klatschens zählt zu den problematischen Sounds, akustischer Abfall, ein Störgeräusch. Nur der Kontext lässt uns erkennen, worum es sich handelt. Wenn Schall und Ursprung zeitlich und räumlich voneinander getrennt sind, entsteht ein assoziativer Freiraum. Kleine Abweichungen von der identischen Wiedergabe eines typischen Applauses reichen aus, um den Zuhörer in die Irre zu führen. Das nutzt die elektronische Komposition aus und lässt Regen niederprasseln, Stiefel im Stechschritt über einen fiktiven Platz marschieren oder das Rauschen von Kurzwellensendern erklingen. Dabei spielt der Rhythmus bei den Klangbilderrätseln eine entscheidende Rolle. Einmal glaubt man Flamenco-Rhythmen zu hören; ein andermal wähnt man sich vor der Tür eines typischen Berliner Techno-Clubs zu stehen. So kann uns ein einfaches Klatschen Geschichte und Zeitgeschehen vor Augen führen.

TONSPUR 30: Via Lewandowsky [D]
Na, Bravo (Encore)
8-Kanal-Komposition
Länge 10 min.
Applaudierende: Andrea Splisgar, Via Lewandowsky
Tontechnische Beratung: Florian Kühnle
Technik: Peter Szely, Nickolaus Wolters

Eröffnung: Freitag, 10. Juli 2009, 11.30 Uhr
10.07.09 – 08.10.09
Schloßplatz Berlin/Mitte
Banklinie zwischen Berliner Dom und Hochschule für Musik Hanns Eisler
Täglich 08 – 22h [zweimal je Stunde]

TONSPUR IN BERLIN wird unterstützt von
Österreichisches Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur [bm:ukk]
Österreichisches Kulturforum Berlin
Berliner Künstlerprogramm des DAAD

In der Nähe so fern. (Foto: Marc Räder)

Applaus zu Maschinengewehrsalven. (Foto: Marc Räder)

In der Ferne so nah.  (Foto. Marc Räder)

In der Ferne so nah. (Foto: Marc Räder)

Auszug aus der Komposition (Screenshot als Notenblatt)

Auszug aus der Komposition (Screenshot als Notenblatt)

6. Juli 2009

Vox Populi

Gespeichert unter: Arbeiten — vialewando @ 00:08

Ranula

Wenn sich ein Megaphon an alles erinnern würde, dass durch sein Horn gesagt, geschrien und gebrüllt wurde, was würde es wohl über die Menschen gelernt haben. Die vielen Imperative, Signalworte oder die selteneren guten Nachrichten wie „… wir sind zu ihnen gekommen, ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise …“ hätten einem einfachen Megaphon Zweifel am Verstand seiner Benutzer aufkommen lassen. Zwar verhilft das Megaphon zur akustischen Wortgewalt, aber der Umstand, dass es meistens in Ausnahmesituationen benutzt wird, limitiert die Inhalte dramatisch. Wann würde schon ein Megaphon den Satz „Liebe Mitbürger, wir haben euch betrogen, unsere Macht missbraucht und eigentlich seid ihr uns auch scheißegal!“ laut in die Menge tröten dürfen. Bekenntnisse kommen im akustischen Repertoire eines Megaphons nicht vor. Unsicherheit in Form von unzähligen ähs und ähms schon eher.
Das Megaphon, das einsam und unbeachtet an einem Garderobenständer hängt und leise vor sich hin räuspert, scheint sich von allen Worten mit einer Phonetik jenseits der Sprache zu reinigen. Es könnte natürlich genauso gut nachäffend „Achtung, Achtung!“ vor sich hinmurmeln. Auch das Räuspern als Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, ist hier nicht gemeint. Aber ähnlich „Dr. Murkes gesammelten Schweigen“ (Böll, 1955) ist gerade das Räuspern ein Ausdruck für Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit. Der abwesende Benutzer bemerkt all das nicht, lässt sich vielleicht gerade feiern für das, was er gesagt oder eben verschwiegen hat.

(Ranula: lateinisch für Fröschlein, auch Froschgeschwulst oder Mundbodenzyste ist der Ursprung des Ausspruches „Frosch im Hals“)

Der Rest war Räuspern

Der Rest war Räuspern

Zum Heulen

Die Wehmut über den Untergang der DDR scheint noch immer oder wieder manchen die Tränen in die Augen zu treiben. Zentral und in Vertretung für alle, die statt Schlucken lieber die Tränen rollen lassen, übernimmt das jetzt symbolisch Erich Honecker. In der Antike haben ja schließlich auch die Götter für das gesammelte Elend der Welt geweint. Zwar würden jetzt die Tränen nicht wieder Meere füllen, aber ein Wischeimer kann dabei schon voll werden.
Die Installation, bestehend aus einem Honecker-Bild wie es zu Tausenden in allen öffentlichen Gebäuden der DDR hing, einer Aquariumpumpe und einem Plastikwassereimer, funktioniert nach dem einfachen Prinzip eines Zimmerspringbrunnens. Zynischer ist nur das vom Modelabel Roy Robson vertriebene Einweckglas, das, unter der Bezeichnung „Aroma-Shirt“, ähnlich den Geruchsproben der Staatssicherheit, zum Vertrieb von T-Shirts genutzt wird. Zum Heulen.

Psalm 137, 1
An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.

Tränenreich 20 Jahre nach dem Untergang

Tränenreich 20 Jahre nach dem Untergang

Aufwischen

Aufwischen

9. Juni 2009

Verdienter Verdienst: Pour le mérite

Gespeichert unter: Fundgrube — vialewando @ 00:08

Die einst von Alexander von Humboldt angeregte Erweiterung, der höchsten Auszeichnung für militärische Verdienste in Preußen eine „Friedensklasse“ hinzuzufügen, ist der Ursprung der heutigen Vereinigung von hervorragenden Gelehrten und Künstlern. Der Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste verzeichnet aktuell 67 Mitglieder, 4 Frauen und 63 Herren, von denen 21 Mitglieder wiederum den Künsten zuzurechnen sind. Damit ergibt sich die streng nach Satzung vorgegebene Dreiteilung in Geistes- und Naturwissenschaften und Künste. Unter ihnen finden sich Lichtgestalten wie Pina Bausch, Alfred Brendel und Lord Norman Foster. Selbige waren bei der heutigen öffentlichen Sitzung des Ordens im Schauspielhaus nicht anwesend. Dafür war vom Olymp der Dichtung Durs Grünbein herabgestiegen, um sich frohgemut unter die betagte Gruppe der grauen Eminenzen zu mischen. Nach Satzung erklärt sich die überzählige Größe des eigentlich auf 30 Mitglieder festgelegten Ordensbestandes: es zählen nur jene, die das Alter von Achtzig Jahren noch nicht erreicht haben. Somit wird nun Durs Grünbein nach Übergabe der Urkunde und des Ordenszeichen ein noch lange dem Inneren Zirkel angehörender Bruder sein. Und noch ein Weile in diese Gruppe wie hinein kopiert wirken. Verdient hat er es ohne Zweifel, der unbändige, manische, Vierundzwanzigstundensiebentage-Arbeiter. Seine Bildwelten in Verszeilen sprengen mühelos jede Leinwand oder Teilchenbeschleuniger. Selbst der anwesende Bundespräsident würde ihn am liebsten von einem der Nobelpreisträger auf Ohrknopfgröße bringen lassen und mit nach Hause nehmen. Doch mit dem schmucken Ordensband um den Hals enteilt er schon wieder verschmitzt grinsend wie eine Elster in seinen Olymp.

ViaL

Der Dichter ist eigentlich ein Zauberkünstler, der die meiste Zeit mit dem Rücken zum Publikum arbeitet. Jahre lang nestelt er an seinem Zylinder herum, im Dunkeln und mit gesenktem Kopf. Was er da tut, weiß keiner so genau, die wenigsten nehmen Notiz von ihm. Dann tritt er hervor und kündigt mit klarer Stimme seine unwahrscheinliche Attraktion an: eine bis dato nie dagewesene Wortkombination.
Durs Grünbein (Karteikarte vom 13. Mai 2009)

Ein Schelm der sich zum Ordensbruder macht

Ein Schelm der sich zum Ordensbruder macht

Nach 150 Minuten die Laudatio von Enzensberger

Nach 150 Minuten die Laudatio von Enzensberger

Nach dem Tod wieder zurück geben. Unter den Namen der vorherigen Träger: Thomas Stearns Eliot. Das Kleinod bleibt unter Kollegen.

Nach dem Tod wieder zurück geben. Unter den Namen der vorherigen Träger: Thomas Stearns Eliot. Das Kleinod bleibt unter Kollegen.

12. Mai 2009

Rakuschka, Rakuschka

Gespeichert unter: Moskau — vialewando @ 11:47

Eine Besonderheit in einigen der ehemaligen RGW-Länder nach der wirtschaftlichen Öffnung und der damit verbundenen sprunghaften Zunahme von Autobesitzern ist der inoffizielle, illegale Privatparkplatz. Trotz gigantischer Straßen und riesiger Plätze gibt es in Moskau viel zu wenig Platz für den ruhenden Verkehr. Während sich Firmen oft mit rabiaten Methoden öffentlichen Raum aneignen und ihn mit allerlei Vorkehrungen zu sichern wissen, hat die Privatperson vor allem in den Wohngebieten es nicht ganz so leicht. Die Inanspruchnahme von öffentlichen Raum zeigt dabei in einfacher Form wie sich hierzulande marktwirtschaftliche Prinzipien entwickelt haben. Vom Gewohnheitsrecht bis zur militanten Verteidigung der Ansprüche gibt es alles. Die Muschel (ракушка) ist eine originelle und stilistisch interessante Form der Privatisierung. Ihre Wurzel findet man in den zu Ostzeiten begehrten Garagenkomplexen. Auch wenn man kein Auto besaß, war eine Garage eine nützliche Erweiterung des eigenen Wohnraums. Garagenbesitz konnte durchaus auch soziale Verbindlichkeiten schaffen, man grillte gemeinsam, half sich bei der Reparatur oder tauschte sich, natürlich immer unter Vertrauensvorbehalt, über Alltäglichkeiten aus. Man gehörte in gewisser Weise zu einer privilegierten Gruppe. Da es nun schon in früheren Jahren einen Mangel gab, wurde die Situation erst recht in den Neunziger Jahren akut. Die Rakuschka ist die Lösung auf eigene Faust. Schnell zusammengeschweißt und ergonomisch genug, um noch in eine Lücke zu passen, besetzt sie auf Dauer den Parkplatz. Die Muschel schützt nun das geliebte Symbol der Freiheit und stellt sicher, dass man nachts nicht lange um den Block fahren muss. Über die landschaftsarchitektonische Qualität dieser wie dahin geworfenen Blechkapseln kann man sich streiten. Unstrittig dagegen ist die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn es eigentlich genügend Raum gibt, aber keinen Platz.

VL

Ich bin klein, mein Herz ist rein.

Ich bin klein, mein Herz ist rein.

Im Grünen

Im Grünen

Anschmiegsam

Anschmiegsam

Cluster

Cluster

Offen als Drohgebärde

Offen als Drohgebärde

Verschmelzen von Form und Inhalt, die Muschel als Konzept.

Verschmelzen von Form und Inhalt, die Muschel als Konzept.

10. Mai 2009

Die 64. Stunde Null

Gespeichert unter: Moskau — vialewando @ 11:47

Durch die Zeitverschiebung um zwei Stunden hat das Ende des 2. Weltkrieges in der Sowjetunion offiziell erst am 9. Mai stattgefunden. Dieser Tag gehört noch heute zu den wichtigsten Feierlichkeiten in Russland. Je nach dem auf welchen Wochentag dieses Datum fällt, werden die Tage davor oder danach auch zu Feiertagen.
Der alteingesessene Moskauer verlässt dann die Stadt, begibt sich auf seine Datscha oder sucht zum Feiern einen geeigneten Ort auf. Neugierige versuchen Blicke auf die in den letzten Jahren wieder imposanter gewordene Militärparade zu erhaschen. Aber ohne Akkreditierung oder Einladung aufgrund besonderer Verdienste hat man im Zentrum der Stadt wenig Chancen viel zu sehen. Trotzdem ist es immer spannender, nicht an eine der Einfahrtsstraßen sich die Füße müde zu warten, sondern möglichst nahe an den bekannten medialen Bildern vom Kreml und dem Roten Platz zu sein. Beim Versuch dahin zu gelangen, werden die großen Straßen Moskaus recht schnell zu Sackgassen. Alle U-Bahn-Stationen in unmittelbarer Nähe sind geschlossen, Straßensperren riegeln das Areal weiträumig ab. Scheinbar interessiert das Tausende nicht, die dann einen kompakten menschlichen Belagerungsring um die Sicherheitszone bilden. Die Aufforderung zu den Ausfallstraßen zu gehen, sich die Parade lieber im Fernsehen anzuschauen, fruchten wenig. Der Bürger bewegt sich parallel zu den großen Boulevards auf den Wegen im Labyrinth der Hinterhöfe auf der Suche nach einem geeigneten Aussichtspunkt. Man ist geduldig und der kleinste Sichtspalt ist allemal interessanter als die wohlchoreografierte Inszenierung auf dem Bildschirm. Dazu kommt, dass es ein wiedererwachtes starkes Interesse gerade unter jungen Leuten gibt, diesen Tag bewusst zu feiern und zumindest kurz nach Aufhebung der Sperren sofort auf den Roten Platz zu eilen, um sich dann vor den leeren Tribünen, dem unverdächtig hinter einer Dekowand verborgenem Lenin-Mausoleum oder dem mit sowjetischer Symbolik dekorierten Edelkaufhaus GUM gegenseitig zu fotografieren. An der Ewigen Flamme für den Unbekannten Soldaten im Alexandrowski-Garten bildet sich eine lange Warteschlange. Scheinbar sind alle ethnischen Konflikte für einen Augenblick verschwunden, denn auch die abfällig als Schwarzen bezeichneten Bürger aus den ehemaligen, südlichen Teilen des riesigen Landes feiern mit und dürfen sich unter dem Schutzschild historischen Stolzes geborgen fühlen. Im gut gesicherten deutschen Dorf dagegen ist es recht ruhig. Nur der flackernde Widerschein eines vermutlich nächtlichen Feuerwerkes taucht die renovierten Plattenbauten in ein gespenstisches Licht. Später stellte sich heraus, dass der gelb-orange Nachthimmel von den 200 Meter hohen Flammen einer Gasexplosion rührte, die vermutete Party nur das Aushauchen einer müden Gasleitung war.

VL

Brückenkopf noch nach der Parade lange gesichert

Brückenkopf noch nach der Parade lange gesichert

Private Parade

Private Parade

Der wohl wichtigste zentrale Gedenkort, an dem ...

Der wohl wichtigste zentrale Gedenkort, an dem ...

... das Warten zum Ablegen der Blumen und Kränze zur demonstrativen Geste wird. Neu dabei ist das flüchtige sich Bekreuzigen.

... das Warten zum Ablegen der Blumen und Kränze zur demonstrativen Geste wird. Neu dabei ist das flüchtige sich Bekreuzigen.

Alles nach Protokoll, die Macht überläßt den Platz dem Volk.

Alles nach Protokoll, die Macht überläßt den Platz dem Volk.

Demontage nur wenige Minuten später.

Demontage nur wenige Minuten später.

Ein heiliger Ort, die Bühne für 170 Millionen Zuschauer.

Ein heiliger Ort, die Bühne für 170 Millionen Zuschauer.

Im deutschen Dorf ist es immer ruhig.

Im deutschen Dorf ist es immer ruhig.

26. April 2009

Das wars

Gespeichert unter: Seminar — vialewando @ 14:28

Hallo Sentsemteilnehmer,

ein großes Lob und vielen Dank an alle, die bis zum Ende durchgehalten haben. Es hat sich gelohnt und wir haben eine sehr schöne Ausstellung zum Abschluss unseres Seminars gemacht. Ihr seid mir alle auf den letzten Metern sehr ans Herz gewachsen. Ohne Sentimentalität kann ich sagen, ich werde euch vermissen. Ob und wann ich noch einmal nach München komme, ist dennoch ungewiss. Aber keine Sorge, Erinnerungen an meine lange Abwesenheit brauchen jetzt nicht gleich aufzukommen. Ich werde euch bis zum Abschluss des Kataloges in allen wichtigen Fragen und bei organisatorischen Entscheidungen zur Seite stehen. Macht mit gleicher Energie weiter, arbeitet am Katalog, mit dem ihr das bisher Erreichte bewahrt.

Bis bald

Via

schaukeln

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