Via Lewandowsky

In einer Schwester Stalins

Posted in Moskau by vialewando on 21. Dezember 2008

Weil in Russland irgendwie alles etwas mit Fassade zu tun hat, ahnte ich schon und war durch meinen Reiseführer vorgewarnt, dass die Wohn- und Amtskathedralen Stalins möglicherweise innen nicht ganz so beeindrucken wie von außen, etwas zynisch hatte Stalin über eines seiner Prestigeobjekte selbst erklärt: „… national in der Form, sozialistisch im Inhalt.“ Die Verabredung mit einem Mieter war arrangiert, Skepsis lag auf beiden Seiten in der Luft. Etwas belastend kam hinzu, dass mir eine deutsche Künstlerin vor Ort erklärte, mit diesem Haus stimme etwas nicht, an diesem Ort seien überdurchschnittlich viele Menschen in den Freitod gegangen. Der Weg dahin ist einfach. Man sieht diese Gebäude schon aus großer Entfernung. Der Eingang romantisch, fast Wagnerisch dramatisch. Im Foyer wird es schnell übersichtlich und dennoch schafft eine Decke mit Kuppelimplantat und illusionistischer Malerei weiterhin zu beeindrucken. Im Fahrstuhl neueren Datum überrascht modernes Design. Die Wohnung in ihrem Zuschnitt erinnert aber dann doch schnell an Sozialbau mit nobler Ausstattung. Türgriffe, die eher in Schlösser und Palästen zu finden wären, Stuck, der Schmuckkästchen aus den wie angekündigt kleinen Stübchen macht. Der Blick atemberaubend. Etwas störend die Bemerkung eines Bewohners, dass in der hohlen Wand neben der Küche so eine Art Abhörschacht verläuft. Schluck. Die verschachtelten Treppenhäuser beginnen eine andere Stimmung zu erzählen. Es wird noch enger, noch unübersichtlicher. Es ist ein intelligent gebauter goldner Käfig, in dem man nicht genau weiß, wer der Nachbar ist. Aber der Unbekannte alles wußte. Vorrangig Kulturschaffende sollen hier gelebt haben – zwischen Himmel und Angst. Vielleicht. Turmspitzen mit Morgensternornamentik, in der Fassade die Reliefs der immer wieder kehrenden Sieger- und Gute-Zunkunftmantras. Beim Verlassen sehe ich immer mehr Ornamente, die aus dem Symbolkasten der kommunistischen Ideologie komponiert sind. Ja, es gab sogar eine Telefonzentrale in diesem Haus. Selten für jene Zeit. Und ein Kino für die Kulturschaffenden: Illusion. Wer hier nicht vorzeitig auszieht, wohin auch immer, es hier lange aushält, bekommt eine Plakette.

Wie ein Märchenschloss aus einem Walt Disney-Film liegt sie in der Abendsonne an einer 8-spurigen Straße.

Ähnlich der Einfahrt zu einem amerikanischen Luxushotel ohne Pagen.

Die Kirchen als architektonisches Vorbild für Luxus.

Kein noch sei unbedeutender Ort im Haus wird zum preisen himmlischer Harmonie genutzt.

Im Detail will man dann doch lieber mit Raketentechnik dem Himmel nah sein.

Ob Treppenhauslicht oder Flurbeleuchtung jede Lampe ist von Schöpferhand berührt.

Die kleinen Fenster geben Einblick auf die gewaltige städtische Größe.

Der Ausblick war nur wenigen privilegierten Symbol- und Würdenträgern vorbehalten.

Zuweilen geraten die Namensschilder der Lebenden und Toten etwas sehr überdimensioniert, was aber nicht weiter auffällt.

Wie schön, daß man im Haus das Kino Illusion hatte. Da konnte nichts mehr schiefgehen.

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