Via Lewandowsky

Als die Kirche in den Untergrund ging

Posted in Moskau by vialewando on 23. Dezember 2008

Die Moskauer Metro, eines der Prestigeprojekte Stalins, zeigt wie kein anderer Ort, dass die Umsetzung, die Argumentation kommunistischer Ideen wörtlich alle Mittel heiligte. Während oben die Kirchen- und Klosterdichte rapid abnahm, wurden mit Beginn der Dreißiger Jahre mehr und mehr Stationen gebaut, die Kirchenräumen ähnelten. Das Mittelschiff begrenzt durch Säulen zum Nebenschiff. Die Stirnseiten mit Rolltreppen die wie Himmelsleitern oft in einem Kuppelbau enden bzw. beginnen. Ist eine Stirnseite geschlossen, bietet sich hier ein Altarähnliche Nutzung. Die Kapellen der Nebenschiffe kommen im 2-Minuten-Takt. Die Andacht ist kurz. Ornamentik und Design greifen tief in den Baukasten spiritueller Orte. Statt des Leidensweges Christi wird der fröhliche Weg in die Zukunft auf Mosaiken, Glasfenstern, Intarsien, Wandmalereien und mit Reliefs wie auch Skulpturen aus Marmor, Keramik, Bronze dargestellt. Reichlich zu Essen gibt es in diesen Materialien auch. Ehrenkränze, in die gleich Sicheln mit eingebunden sind. Und natürlich gibt es Sowjetsterne, die in Hülle und Fülle aus jeder noch so unverdächtigen Ecke oder von jedem Lüftungsgitter einen anstrahlen. Kaum ein Ornament, das nur dekoriert. Alles hat eine bis in die Stammzellen der Ideologie reichende Bedeutung. Nun kann man rufen: Diktatur des Ornaments, Blutgefäßsystem der Ideologie oder Transportmaschine mit Allmachtsinfusion. Aber war wirklich die Idee der Installation, durch Größe und Erhabenheit dieses, alle bisherigen Dimensionen sprengenden Bauwerkes den müden Werktätigen am Morgen und am Abend die Sinne zu benebeln? War es wirklich das ursächliche Anliegen neben der rein praktischen Funktion, Millionen Passagiere zu befördern, dem Werktätigen auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause das Gefühl zu geben, mit der modernsten U-Bahn, den längsten Rolltreppen der Welt zu fahren und zugleich in Palästen zu wandeln? Hatte sich der Russische Konstruktivismus, in denen noch die ersten Stationen gebaut wurden, als wenig nützlich für die halluzinogene Stimulation der Russischen Seele erwiesen? Vermutlich ist der Widerspruch zwischen der Vision, die modernste Gesellschaftsform zu bauen und ein veraltetes Traditionsbewusstseins zum nationalem Kulturideal zu erheben, nur mit dem sentimentalen, kitschigem Geschmack einer Person zu erklären. Stalin, der Georgier, war ein tatarischer, russisch-orthodoxer Folklorist.

Eingangshalle: Nowoslobodskaja

Himmelsleiter in die Tiefen der unterirdischen Paläste

Himmelsleiter in die Tiefen der unterirdischen Paläste

Bleiglasfenster

Ukrainische Feierlichkeiten

Kleine Kapelle

Lüftungsgitter

Noch ein Lüftungsgitter

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