Via Lewandowsky

Solschenizyn und die weißen Panzer

Posted in Moskau by vialewando on 24. Dezember 2008

Die Widersprüchlichkeit des geistigen Zustands Russlands grenzt fast an Schizophrenie. Als westlicher Beobachter wird man wahnsinnig, betrachtet man die wiederkehrenden Rochaden politischer und kultureller Zustände. Verflixt verfitzt. So wundert es eigentlich schon nicht mehr, dass man am Eingang des Donskoj-Klosters erst einmal von einer Parade weiß angestrichenem Militärgerätes begrüßt wird. Ein legendärer Kampfflieger hebt über nahegelegenen Gräbern ab. Im Vorraum der Neuen Kathedrale erregt ein improvisierter Altar mit kopierten Altarbildern nicht russisch-orthodoxer Bibeldarstellungen selbst den Unmut meines russischen Stadtführers. Auf dem Friedhof befindet sich das noch frische Grab von Solschenizyn. Von hier aus sieht man gut die alten Steinreliefs der durch Stalin abgerissenen Christi-Erlöser-Kathedrale, auf die man beim Wiederaufbau verzichtet hat. Der Hofbildhauer Luschkows Zereteli (siehe Artikel „Auferstehung auf dem Friedhof …) hat es selbst gerichtet. Also, auf diesem vergleichsweise kleinen Arial kann man viel lernen. Die Kirche hat trotz ihrer massiven Unterdrückung zu Sowjetzeiten mit Spenden eine eigene nach dem Großfürsten Dmitri Donskoj benannte Militärische Einheit im Großen Vaterländischen Krieg auf die Beine gestellt. Ihr substantielles Überleben sicherten sich einige der wichtigen kirchliche Einrichtungen, indem Sie ihre Räume in Archive und Museen umwandeln ließen. Aus den anderen wurden Wohnhäuser und Fabriken gebaut. Bis 1991 war hier das Architekturmuseum untergebracht. Daher die Erlöser-Kathedralen-Überreste. Heute sichert sich die Russisch-Orthodoxe Kirche ihren politischen Einfluss mit anderem, vielleicht schon in früheren Tagen angewandten Mitteln. Ihr wird eine gewisse Nähe zum KGB bzw. FSB nachgesagt. Ob das nun der Grund ist, warum der personifizierte Widerspruch Solschenizyn neben dem Grab einer der berühmtesten Historiker Lew Nikolajewitsch Gumiljow oder ob er wegen seiner zuletzt starken Gläubigkeit hier beerdigt wurde ist unklar. Er war auf alle Fälle ein enger Freund des geistlichen Oberhauptes des Klosters. Und dieser konnte sich bei der Bestattungszeremonie nicht über Mangel an Staatsgästen beklagen. Noch heute ist der überdachte Weg für den VIP-Trauerzug zu sehen. So gibt es immer wieder Nahrung für Mythen, die einerseits Tatsachen verschleiern und andererseits Zufälle zu großen Geschichten machen. Dass sich im umliegenden Wohnviertel sehr viel KGB niedergelassen hat, ist leicht zu erklären. Hier gab es die erste Radio- später TV-Sendestation Moskaus. Dass aber in einem neugebauten Wohnhaus Türme mit Kapellen für private Nutzung von unbekannten Geldgebern eingerichtet werden, ist dann doch recht seltsam. Wollen etwa die Geheimdienstler Trost und spirituellen Beistand beim bequemen und unbeobachteten In-House-Service finden? Wer heute in Russland wen braucht, kann man nicht mehr sagen.

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