Via Lewandowsky

Die 64. Stunde Null

Posted in Moskau by vialewando on 10. Mai 2009

Durch die Zeitverschiebung um zwei Stunden hat das Ende des 2. Weltkrieges in der Sowjetunion offiziell erst am 9. Mai stattgefunden. Dieser Tag gehört noch heute zu den wichtigsten Feierlichkeiten in Russland. Je nach dem auf welchen Wochentag dieses Datum fällt, werden die Tage davor oder danach auch zu Feiertagen.
Der alteingesessene Moskauer verlässt dann die Stadt, begibt sich auf seine Datscha oder sucht zum Feiern einen geeigneten Ort auf. Neugierige versuchen Blicke auf die in den letzten Jahren wieder imposanter gewordene Militärparade zu erhaschen. Aber ohne Akkreditierung oder Einladung aufgrund besonderer Verdienste hat man im Zentrum der Stadt wenig Chancen viel zu sehen. Trotzdem ist es immer spannender, nicht an eine der Einfahrtsstraßen sich die Füße müde zu warten, sondern möglichst nahe an den bekannten medialen Bildern vom Kreml und dem Roten Platz zu sein. Beim Versuch dahin zu gelangen, werden die großen Straßen Moskaus recht schnell zu Sackgassen. Alle U-Bahn-Stationen in unmittelbarer Nähe sind geschlossen, Straßensperren riegeln das Areal weiträumig ab. Scheinbar interessiert das Tausende nicht, die dann einen kompakten menschlichen Belagerungsring um die Sicherheitszone bilden. Die Aufforderung zu den Ausfallstraßen zu gehen, sich die Parade lieber im Fernsehen anzuschauen, fruchten wenig. Der Bürger bewegt sich parallel zu den großen Boulevards auf den Wegen im Labyrinth der Hinterhöfe auf der Suche nach einem geeigneten Aussichtspunkt. Man ist geduldig und der kleinste Sichtspalt ist allemal interessanter als die wohlchoreografierte Inszenierung auf dem Bildschirm. Dazu kommt, dass es ein wiedererwachtes starkes Interesse gerade unter jungen Leuten gibt, diesen Tag bewusst zu feiern und zumindest kurz nach Aufhebung der Sperren sofort auf den Roten Platz zu eilen, um sich dann vor den leeren Tribünen, dem unverdächtig hinter einer Dekowand verborgenem Lenin-Mausoleum oder dem mit sowjetischer Symbolik dekorierten Edelkaufhaus GUM gegenseitig zu fotografieren. An der Ewigen Flamme für den Unbekannten Soldaten im Alexandrowski-Garten bildet sich eine lange Warteschlange. Scheinbar sind alle ethnischen Konflikte für einen Augenblick verschwunden, denn auch die abfällig als Schwarzen bezeichneten Bürger aus den ehemaligen, südlichen Teilen des riesigen Landes feiern mit und dürfen sich unter dem Schutzschild historischen Stolzes geborgen fühlen. Im gut gesicherten deutschen Dorf dagegen ist es recht ruhig. Nur der flackernde Widerschein eines vermutlich nächtlichen Feuerwerkes taucht die renovierten Plattenbauten in ein gespenstisches Licht. Später stellte sich heraus, dass der gelb-orange Nachthimmel von den 200 Meter hohen Flammen einer Gasexplosion rührte, die vermutete Party nur das Aushauchen einer müden Gasleitung war.

VL

Brückenkopf noch nach der Parade lange gesichert

Brückenkopf noch nach der Parade lange gesichert

Private Parade

Private Parade

Der wohl wichtigste zentrale Gedenkort, an dem ...

Der wohl wichtigste zentrale Gedenkort, an dem ...

... das Warten zum Ablegen der Blumen und Kränze zur demonstrativen Geste wird. Neu dabei ist das flüchtige sich Bekreuzigen.

... das Warten zum Ablegen der Blumen und Kränze zur demonstrativen Geste wird. Neu dabei ist das flüchtige sich Bekreuzigen.

Alles nach Protokoll, die Macht überläßt den Platz dem Volk.

Alles nach Protokoll, die Macht überläßt den Platz dem Volk.

Demontage nur wenige Minuten später.

Demontage nur wenige Minuten später.

Ein heiliger Ort, die Bühne für 170 Millionen Zuschauer.

Ein heiliger Ort, die Bühne für 170 Millionen Zuschauer.

Im deutschen Dorf ist es immer ruhig.

Im deutschen Dorf ist es immer ruhig.

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