Via Lewandowsky

Vox Populi

Posted in Arbeiten by vialewando on 6. Juli 2009

Ranula

Wenn sich ein Megaphon an alles erinnern würde, dass durch sein Horn gesagt, geschrien und gebrüllt wurde, was würde es wohl über die Menschen gelernt haben. Die vielen Imperative, Signalworte oder die selteneren guten Nachrichten wie „… wir sind zu ihnen gekommen, ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise …“ hätten einem einfachen Megaphon Zweifel am Verstand seiner Benutzer aufkommen lassen. Zwar verhilft das Megaphon zur akustischen Wortgewalt, aber der Umstand, dass es meistens in Ausnahmesituationen benutzt wird, limitiert die Inhalte dramatisch. Wann würde schon ein Megaphon den Satz „Liebe Mitbürger, wir haben euch betrogen, unsere Macht missbraucht und eigentlich seid ihr uns auch scheißegal!“ laut in die Menge tröten dürfen. Bekenntnisse kommen im akustischen Repertoire eines Megaphons nicht vor. Unsicherheit in Form von unzähligen ähs und ähms schon eher.
Das Megaphon, das einsam und unbeachtet an einem Garderobenständer hängt und leise vor sich hin räuspert, scheint sich von allen Worten mit einer Phonetik jenseits der Sprache zu reinigen. Es könnte natürlich genauso gut nachäffend „Achtung, Achtung!“ vor sich hinmurmeln. Auch das Räuspern als Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, ist hier nicht gemeint. Aber ähnlich „Dr. Murkes gesammelten Schweigen“ (Böll, 1955) ist gerade das Räuspern ein Ausdruck für Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit. Der abwesende Benutzer bemerkt all das nicht, lässt sich vielleicht gerade feiern für das, was er gesagt oder eben verschwiegen hat.

(Ranula: lateinisch für Fröschlein, auch Froschgeschwulst oder Mundbodenzyste ist der Ursprung des Ausspruches „Frosch im Hals“)

Der Rest war Räuspern

Der Rest war Räuspern

Zum Heulen

Die Wehmut über den Untergang der DDR scheint noch immer oder wieder manchen die Tränen in die Augen zu treiben. Zentral und in Vertretung für alle, die statt Schlucken lieber die Tränen rollen lassen, übernimmt das jetzt symbolisch Erich Honecker. In der Antike haben ja schließlich auch die Götter für das gesammelte Elend der Welt geweint. Zwar würden jetzt die Tränen nicht wieder Meere füllen, aber ein Wischeimer kann dabei schon voll werden.
Die Installation, bestehend aus einem Honecker-Bild wie es zu Tausenden in allen öffentlichen Gebäuden der DDR hing, einer Aquariumpumpe und einem Plastikwassereimer, funktioniert nach dem einfachen Prinzip eines Zimmerspringbrunnens. Zynischer ist nur das vom Modelabel Roy Robson vertriebene Einweckglas, das, unter der Bezeichnung „Aroma-Shirt“, ähnlich den Geruchsproben der Staatssicherheit, zum Vertrieb von T-Shirts genutzt wird. Zum Heulen.

Psalm 137, 1
An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.

Tränenreich 20 Jahre nach dem Untergang

Tränenreich 20 Jahre nach dem Untergang

Aufwischen

Aufwischen

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