Via Lewandowsky

Na, Bravo (Encore)

Posted in Alles, Arbeiten by vialewando on 20. Juli 2009

Es gibt Orte, an denen man nicht applaudiert. Zum Beispiel auf dem Friedhof. Dort ist das Schweigen eine angemessene Form der Würdigung. Dabei gäbe es auch hier genügend Gründe vor dem einen oder anderen Grab posthume Anerkennung durch das Aufeinanderschlagen der Hände Ausdruck zu verleihen. Doch durch die Abwesenheit des zu Beklatschenden fällt es uns schwer, darin einen Sinn zu sehen. Wenn man nun mit künstlerischen Mitteln das tut, was man als deplaziert bezeichnen würde, erreicht man ein interessantes Ergebnis: Besinnung. Nichts anderes will die Klanginstallation auf dem Schlossplatz, ein Ort voller denkwürdiger Momente. Die digital herbeigeschafften PLAUSORES (in der Antike hoch bezahlte Claqueure) werfen die Frage auf: warum, für wen wird jetzt hier applaudiert? Der Ort ist leergeräumt; Baufreiheit in Form einer temporären Liegewiese ist doch mehr besinnlich als anerkennungswürdig. Es kann also nur um die Abwesenheit gehen. Abwesenheit von dem, was hier war und hier sein wird. Der vom ‚Band‘ abgespielte Beifall könnte als Animation wie bei einer Talkshow oder Soap Opera gemeint sein oder daran erinnern, dass hier schon öfters aus sehr unterschiedlichen Gründen applaudiert wurde.
Die zehnminütige Applauskomposition besteht aus zwei Applaudierenden, deren unterschiedliches Klatschen technisch vervielfacht wurde. Das damit entworfene Klangbild reicht vom realistischen Beifallssturm bis zur abstrakten Soundkulisse. Denn das Geräusch des Klatschens zählt zu den problematischen Sounds, akustischer Abfall, ein Störgeräusch. Nur der Kontext lässt uns erkennen, worum es sich handelt. Wenn Schall und Ursprung zeitlich und räumlich voneinander getrennt sind, entsteht ein assoziativer Freiraum. Kleine Abweichungen von der identischen Wiedergabe eines typischen Applauses reichen aus, um den Zuhörer in die Irre zu führen. Das nutzt die elektronische Komposition aus und lässt Regen niederprasseln, Stiefel im Stechschritt über einen fiktiven Platz marschieren oder das Rauschen von Kurzwellensendern erklingen. Dabei spielt der Rhythmus bei den Klangbilderrätseln eine entscheidende Rolle. Einmal glaubt man Flamenco-Rhythmen zu hören; ein andermal wähnt man sich vor der Tür eines typischen Berliner Techno-Clubs zu stehen. So kann uns ein einfaches Klatschen Geschichte und Zeitgeschehen vor Augen führen.

TONSPUR 30: Via Lewandowsky [D]
Na, Bravo (Encore)
8-Kanal-Komposition
Länge 10 min.
Applaudierende: Andrea Splisgar, Via Lewandowsky
Tontechnische Beratung: Florian Kühnle
Technik: Peter Szely, Nickolaus Wolters

Eröffnung: Freitag, 10. Juli 2009, 11.30 Uhr
10.07.09 – 08.10.09
Schloßplatz Berlin/Mitte
Banklinie zwischen Berliner Dom und Hochschule für Musik Hanns Eisler
Täglich 08 – 22h [zweimal je Stunde]

TONSPUR IN BERLIN wird unterstützt von
Österreichisches Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur [bm:ukk]
Österreichisches Kulturforum Berlin
Berliner Künstlerprogramm des DAAD

In der Nähe so fern. (Foto: Marc Räder)

Applaus zu Maschinengewehrsalven. (Foto: Marc Räder)

In der Ferne so nah.  (Foto. Marc Räder)

In der Ferne so nah. (Foto: Marc Räder)

Auszug aus der Komposition (Screenshot als Notenblatt)

Auszug aus der Komposition (Screenshot als Notenblatt)

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Eine Antwort

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  1. Gregor said, on 18. August 2009 at 01:13

    wunderschön, ein stakato der gemeinheiten und klakeure, deren anwesenheit wir doch so lieben!!! gelungen!


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