Via Lewandowsky

Goldner Schuss verfehlt

Posted in Alles, Kunst-am-Bau by vialewando on 2. Oktober 2009

Tiefen höhen (oder über den Gewinn der Leere)
Ein Wettbewerbsbeitrag für die Staatsbibliothek Berlin (Im derzeit laufenden Verfahren leider nicht nominiert.)

Bei der Renovierung und Rekonstruktion eines Gebäudes ist es üblich, alle Beschädigungen zu beseitigen, die Spuren vergangener Ereignisse der Zerstörung zu löschen. An Steinfassaden werden dabei unterschiedliche Möglichkeiten der baulichen Wiederherstellung zum Einsatz gebracht. Entweder wird die Fassade großflächig mit neuen Steinen wieder instand gesetzt oder es werden beim Erhalt wesentlicher Bestandteile partielle Reparaturen vorgenommen. Dadurch ergeben sich oft, trotz Verwendung des gleichen Steinmaterials und dem farbigen Angleichen der neuen und der alten Steine, fleckige Fassadenstrukturen. Sie sind bei alten Gebäuden mit Kriegsbeschädigungen in Berlin oft die letzten Spuren einer selbstverschuldeten Katastrophe. Sie sind der eingefrorene Moment eines traumatischen Augenblickes.

Gegenstand der Idee ist es, einen Teil der durch Granatsplitter und Geschosse entstandenen kraterförmigen Vertiefungen zu konservieren und hervorzuheben. Das erfolgt in mehreren Schritten. Zuerst werden die ausgewählten Einschusslöcher in einem bestimmten Bereich kartografiert, abgegossen. Dann werden die Vertiefungen mit einer Ölblattvergoldung versehen. Die Abformungen werden wiederum in Gold abgegossen und an einer anderen Stelle im Innenbereich der Bibliothek in gleicher Position, nur diesmal positiv, angebracht.

Mit dieser Form der Höhung wird der Artefakt umgewertet, der Kriegsschaden zum Gewinn für die Aufarbeitung. Der Ersatz des verloren gegangenen Bruchstückes durch Gold und die Anordnung an anderer Stelle wird zum ökonomisch bewertbaren Gegenstück, zum Leerraum des authentischen Ortes. Auf diese Weise werden Innen und Außen, Verlust und Ersatz, Immaterialität und Materialität, Gedenken und Bedenken miteinander verbunden.

Somit wird an einer kleinen, fast nicht wahrnehmbaren Stelle die Rekonstruktion des Gebäudes umgeleitet, eine andere Rekonstruktion an unbedeutender Stelle zum Ort der Aufmerksamkeit für das unfassbare Geschehen der Geschichte und die Verletzlichkeit der geistigen Leistungen, die in einer Bibliothek versammelt sind, gemacht.

Vorgesehen für diesen minimalen Eingriff am Gebäude sind die beiden Spiegelflächen an den Säulen der Lindenhalle, die zum Ehrenhof zeigen. Für die Spiegelung der Topographie der Zerstörung werden die beiden Säulen am Treppenaufgang zum Bibliothekssaal vorgeschlagen. Die Installation sollte in der Form eingelassener und hinterleuchteter, flacher Vitrinen ausgeführt werden. Damit lösen sich die positiven Abgüsse von der eigentlichen, statischen Verbindung zum Gebäude und beginnen zu schweben. Mit der Auswahl der beiden Standorte wird die zentrale Achse des Gebäudes durch den konservierten und reproduzierten Makel der Zerstörung betont.

Eine der zwei Säulen am Eingang

Eine der zwei Säulen am Eingang

Einschusslöcher in der Spiegelfläche

Einschusslöcher in der Spiegelfläche

Schaden bleibt eine Fehlstelle

Schaden bleibt eine Fehlstelle

Nach dem Abgießen die Leerstelle mit Blattgold auslegen

Nach dem Abgießen die Leerstelle mit Blattgold auslegen

Die Abgüsse in Gold als Karte der Fehlstellen

Die Abgüsse in Gold als Karte der Fehlstellen

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