Via Lewandowsky

„ach, schade“ – Abschied von Moskau

Posted in Alles, Moskau by vialewando on 24. Oktober 2009

Nach dem dritten und letzten Aufenthalt innerhalb eines Jahres ist die Neugierde fürs Erste befriedigt. Die Frage, ob ich Moskau mag oder nicht, bleibt offen. Jeder der Besuche brachte mich dem Moloch näher, aber auch dem beängstigenden Gefühl, hier am bröckligen Rand Europas, an einem tiefen Abgrund zu stehen. Zweifellos haben die großen russischen Städte, allen voran Moskau, einen gewaltigen Kraftakt bei der Instandsetzung ihres Wohlbefindens geleistet. Dennoch bleiben zahllose Seufzer. Die russische Seele scheint zweifellos der stärkste Treibstoff tiefer Seufzer zu sein. Das Prinzip Vergessen, Schweigen, Zurückkehren sitzt unüberwindbar in jeder Faser russischen Denkens. Ein Land das jahrzehntelang von der Diktatur des in ferne Utopien Blickens geprägt war, will das Neue unter anderem nur um den Preis der Erhaltung des Privilegienprinzipes. Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Minderheitenschutz, eine endlose Liste, für ein Drittweltland wenig überraschender Themen, sind hier nett umhüllt mit den Potemkinschen Fassaden westlichen Aufbruchs. Ein Land, dass einerseits meint vor Ressourcen aus den Nähten platzen zu müssen, lässt sich vom IWF Geld geben, um seine von apokalyptischen Ausmaß fortschreitende Aids-Epidemie zu bekämpfen. Es ist einfach nicht einzusehen, dass lautstark auf China eingeschlagen wird, von der Polizei verprügelte chinesische Künstler als Märtyrer in medialen Sänften durch den Westen getragen werden, während in Russland seit Putin hunderte Journalisten erschossen, vergiftet, in die Luft gesprengt wurden. Die Selbstverpflichtung zum kollektiven Leiden wird vom Westen, wenn überhaupt wahrgenommen, mit Bewunderung goutiert.  Aber vielleicht ist auch die Macht des Bösen so stark, so nah, so unbegreiflich wie ungeschminkt, dass der Westen lieber seiner guten alten Opportunistenschwäche anheim fällt und schweigt. Denn, wer nicht schweigt, wird in guter alter Stalinistischer Manier an den Rand gedrängt, als inkompetent gedemütigt und ausgesondert.
So seufzt man einfach weiter vor sich hin. Und weiß, dass man wiederkommen wird und wieder staunen wird, staunen über das eigene Staunen. So, wie es die vielen nach der Heimat sehnsuchtskranken Dissidenten, Wirtschaftsflüchtlinge, geschassten Oligarchen tun. Kein Exil kann so schön sein,  dass es Russland und seine unheimliche Faszination zu ersetzen vermag.

VL

Der Lärm einer Maschinenhalle ähnlich hängt wie eine Glocke über dem friedlichen Anblick.

Der Lärm einer Maschinenhalle ähnlich hängt wie eine Glocke über dem friedlichen Anblick.

Vor 22 Jahren hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Moskau westlich wird.

Vor 22 Jahren hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Moskau westlich wird.

Vor Neo-Stalinburgen ruhen die fliegenden Wachhunde der Utopien von gestern.

Vor Neo-Stalinburgen ruhen die fliegenden Wachhunde der Utopien von gestern.

Der Sieg der Freiheit ist oft nur eine Illusion, der schöne Schein wird manchmal wieder von der Vergangenheit eingeholt.

Der Sieg der Freiheit ist oft nur eine Illusion, der schöne Schein wird manchmal wieder von der Vergangenheit eingeholt.

Sanierung des Narkomfin-Hauses, der ersten sowjetischen Kommune erbaut von dem Vertreter des sowjetischen Konstruktivismus Moisei Ginsburg.

Sanierung des Narkomfin-Hauses, der ersten sowjetischen Kommune erbaut von dem Vertreter des sowjetischen Konstruktivismus Moisei Ginsburg.

Bei allen Veränderungen wird es ein Traum bleiben, dass das verruchte Gebäude an der Lubjanka zum Museum für die Opfer des Stalin-Terrors wird.

Bei allen Veränderungen wird es ein Traum bleiben, dass das verruchte Gebäude an der Lubjanka zum Museum für die Opfer des Stalin-Terrors wird.

Letzte Spuren einer Wildwest-Vermarktwirtschaftlichung des ganzen Landes.

Letzte Spuren einer Wildwest-Vermarktwirtschaftlichung des ganzen Landes.

Lenin blickt auf dem Leningrader Bahnhof in Richtung St. Petersburg, nur ein Werbebildschirm versperrt ihm die Aussicht.

Lenin blickt auf dem Leningrader Bahnhof in Richtung St. Petersburg, nur ein Werbebildschirm versperrt ihm die Aussicht.

Wie vor 22 Jahren verlasse ich die Stadt am späten Abend mit dem Zug.

Wie vor 22 Jahren verlasse ich die Stadt am späten Abend mit dem Zug.

Beim Anblick des Bordrestaurants kommen unweigerlich nostalgische Gefühle auf.

Beim Anblick des Bordrestaurants kommen unweigerlich nostalgische Gefühle auf.

Vielleicht hilft mir die elektrische Kreml-Pille, meinen Abschied besser zu verdauen.

Vielleicht hilft mir die elektrische Kreml-Pille, meinen Abschied besser zu verdauen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: