Via Lewandowsky

AUFWIEDERSEHEN

Posted in Alles, Arbeiten, Kunst-am-Bau by vialewando on 22. September 2010

Ein wischfester Verweis auf die Gegenwart der Abwesenheit:
Ein Entwurf für den Flughafen Berlin – BBI

Man könnte […] im Abdruck eine für dieses Jahrhundert typische Form der Kritik an der klassischen Repräsentation sehen – die jedoch einen grundlegend anderen Weg einschlägt als die Abstraktion, denn statt sich radikal vom dargestellten Gegenstand, vom ‚Realenʼ abzuwenden, wendet der Abdruck sich ihm radikal zu, so radikal, dass er in der Berührung jede optische‚ angemessene Distanzʼ jede Konvention oder Evidenz der Sichtbarkeit, der Erkennbarkeit, der Lesbarkeit subvertiert. (Georges Didi-Huberman, 1999)

Idee und Thesen

Der Übergang von der Land- zur Luftseite, der Ausgang der Grenze zwischen „unsauberem“ und „sauberem“ Bereich wird mit einer Bodenarbeit markiert. Sie benutzt das Bild der Spur eines Reifenabdruckes.

Der zufällige Abdruck einer Fahrzeugspur wird als Bodenintarsie konserviert. Die Umkehrung der scheinbaren Bedeutungslosigkeit eines Profilabdruckes wird zum hochwertigen Bodenschmuck an einer für diesen Ort untypischen Stelle.

Der inszenierte Fleck auf dem Boden führt mit dem Kontrast zwischen der Banalität einer Reifenspur und der Bedeutung des Rades für die Menschheitsgeschichte die Grundbedingung für unsere moderne Mobilität vor.

Der Abdruck lässt nicht erkennen, welches Fahrzeug hier durch den metaphorisch ausgelegten Märkischen Sand der Bodenplatten gefahren ist.

Die filigrane Einlegearbeit simuliert nicht nur die vormalige Anwesenheit von Traktoren, Baumaschinen oder Transportfahrzeugen, sie lässt durch ihre Art der Ausführung weitergehende Assoziationen zu. Das Fischgrätenmuster der Reifen wird zum fossilen Abdruck. Die Struktur der stilisierten Pfütze könnte auch ein Landschaftsbild aus der Perspektive des Flugzeugpassagiers sein.

Die Umkehrung des Bildes eines temporären Zustands in einen permanenten verweist auf die Frage nach der Relativität von Zeit unserer beschleunigten Reiseerfahrungen. Es wird der Langsamkeit des Traktors, der noch vor einigen Jahren an dieser Stelle über den Acker
gefahren ist, gedacht.

Begründung

Der Ausgang aus dem Bereich der Sicherheitsprüfung führt die jetzt „sauberen Fluggäste“ auf dem Weg zum Gate zur nächsten Station durch einen Korridor, einen Vorraum. In diesem kurzen Durchgangsbereich wird sich der Fluggast nur wenige Sekunden aufhalten. Eine Ausnahme bilden alle jene in Gruppen und als Paare Reisende, die hier aufeinander warten werden. Dieser Raum wird stärker als andere Bereiche durch seine Transitfunktion bestimmt sein. Leit- und Informationssysteme werden das Raumbild dominieren.

Die Aufmerksamkeit richtet sich je nach der verbleibenden Zeit bis zum Abflug, je nach Häufigkeit der Benutzung dieses Flughafens auf das nächste Ziel: „Marktplatz“ oder Wartebereich am Gate.

Auf das kurze Zeitfenster für die Entdeckung und der Betrachtung einer Arbeit wird mit dem Bild, das im ersten Augenblick temporär erscheint, geantwortet. Der dunkle Fleck, die Radspur erweist sich beim interessierten zweiten Blick als fester und dauerhafter Bestandteil des Bodens. Spätestens jetzt wird die Irritation des Wahrnehmungsprozesses eine Erkenntnis auslösen.

Der wertvolle Reifenabdruck wird zur auratischen Markierung. Als hervorgehobene Spur einer reproduzierten Spur verweist sie auch auf alle Spuren und Abdrücke, die symbolisch für den mobilen Fortschritt stehen. Die Spuren der Reifen des Mondfahrzeugs der Apollo-Mission und der Mars-Roverketten sind die medialen Belege für eine Realität mobiler Utopien.

Diese Spur, diese „Berührung der Abwesenheit“ (Hubermann) wird sich wie ein lieb gewordener Eindringling aus einer anderen Zeit und aus einem anderen Zustand immer wieder neu erklären. Eine Abnutzung dieser Stelle im Bodenbelag ist unmöglich. Wie ein geheimnisvoller Gast, eine Hieroglyphe hinterlassen von den Erbauern des Gebäudes wird diese Spur eine bleibende Kraft zwischen zwei Zeiten aufrecht erhalten. Die Spur als allgegenwärtiger Ausdruck „von etwas, das fortgegangen ist und das doch bei uns bleibt, in unserer Nähe bleibt, um uns ein Zeichen seiner Abwesenheit zu geben.“

Konservieren eines transitorischen Moments durch Inkrustation

Der Übergang vom Boden in die Luft ist ein kurzer performativer Augenblick. Es ist die Kürze der Zeit, die zum Beispiel Wasser braucht, bis es vom Asphalt oder nach dem Wischen vom Fußboden verdunstet ist. Diese Spuren sind von kurzer Dauer. Etwas länger halten sich Spuren im Sand, aber auch der Märkische Sand lässt keine lange Verweildauer zu. Neue Spuren löschen die alten aus.
Die Intarsien der Reifenspur werden in poliertem Marmor ausgeführt. Damit stehen sie in der Materialbedeutung einer alten Handwerkskunst, der Inkrustation. Die Rückführung in eine Umsetzung antiker Handwerkskunst ist ein Verweis auf die Interpretation als Darstellung eines archäologischen Fundes.
In ihrer Anordnung verlaufen sie in der Richtung des Weges der Fluggäste. Auf jeder Seite wird das Motiv leicht variiert, aber nicht grundsätzlich anders sein. Ähnlich den Abklatsch-Motiven eines Faltbildes stellen beide Seiten spiegelverkehrt das jeweilig andere dar.

Ein wischfester Fleck - Alptraum des Reinigungspersonals

Spiegelnd wie ein Wasserfleck

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Eine Antwort

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  1. Alma Cox said, on 18. Oktober 2010 at 08:44

    eine sinnvolle Idee in einer sinnentleerten Zeit; die hoffentlich von einigen intelligenten Lebewesen wahrgenommen wird , die ihr Gehirn nicht nur gebrauchen, um es bis zum nächstgelegenen Duty Free zu schaffen……


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