Via Lewandowsky

Super Grotesk

Posted in Alles, Arbeiten by vialewando on 20. Februar 2011

Wettbewerbsbeitrag für das Dokumentations- und Bildungszentrum „Repression in der SED-Diktatur“

„Super Grotesk“ war die meistbenutzte Schriftart in der DDR. In Schulen, Universitäten, in den Ministerien, auf Urkunden, Zeugnissen, in Büchern wie auch in geheimen Dokumenten fand sie Anwendung. Sie galt als unbelastet, weil sie zu Zeiten des Dritten Reiches so gut wie nicht eingesetzt wurde. Von Arno Drescher in den Dreißiger Jahren für die Schriftgießerei Schelter & Giesecke in Dresden entwickelt und nach dem 2. Weltkrieg für VEB Typoart als Bleisatz eingerichtet, wurde sie zu einer universellen, modernen Schrifttype, eine Art „Arial des Ostens“. Sie lehnt sich stark an die „Akzidenz Grotesk“ an, die Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde und als Meilenstein in der Schriftgestaltung gilt. Die DDR-Version geriet nach dem Fall der Mauer in Vergessenheit und wurde als belastete Schwester in der Grotesk-Schriftfamilie nur noch wenig benutzt. 1999 überarbeitete sie der Berliner Typograph Svend Smital und erweiterte sie um einige neue Schnitte. Seitdem wird sie wieder als digitale Version vertrieben. Die Schrift ist heute rehabilitiert. Sie erinnert an die utopischen Träume einer modernen zukunftsgewandten Gesellschaft, chic und minimalistisch, schnörkellos und praktisch.

Super grotesk ist auch die heutige Anlage des ehemaligen DDR-Ministeriums, sie hat ihren Schrecken verloren. Ihre Aura ist dahin. Einerseits ist die neue Nutzung durch Supermarkt und Gesundheitszentrum, Institution und Museum eine sinnvolle wie zweckmäßige Form der Öffnung. Andererseits bekommt eine Würstchenbude auf dem ehemaligen Appell- und Auffahrplatz für den informierten Besucher schon fast eine symbolische Bedeutung und könnte als ortsspezifischer Eingriff von Konzeptkunst missverstanden werden. Es fällt einem schwer, hier dem ganzen Ausmaß des Irrsinns nachzuspüren. Der Ort gibt sich der Lächerlichkeit preis. Subtiler kann man nach Erstürmung und Graffiti, nach Räumung und Enttarnung den Apparat von einst nicht vorführen. Aura hat es schwer heutzutage und besonders in Berlin. Die Arbeit der Gedenkstätte und der Behörde im Gebäudeinnern schaffen im Gegensatz dazu mit historischer Sachlichkeit, was dem Außenraum verwehrt bleibt. Hier bekommen kilometerlange Schriftdokumente eine Bedeutung, die Architektur und städtebauliche Situation nur bedingt repräsentieren können.

Der Schriftzug STASI liegt im Winkel von 45 Grad über der nordöstlichen Ecke des Vordaches vom Eingang Haus 1. Er ist 2,80 Meter hoch. Das entspricht der Bauhöhe einer Etage der umliegenden Wohnblocks Typ WBS 70 aus DDR-Zeit. In seiner Größe könnte es einem schriftunkundigen an einen Reklameschriftzug oder Firmensignet erinnern. Ganz in Weiß und mit LED-Leuchtmitteln ausgestattet ist es nicht mehr als es ist: ein Wort. An dieser Stelle macht es den Anschein, als wäre es beim Abmontieren vom Dach hier abgestellt worden. Der Abtransport steht bevor. Es balanciert so auf der Ecke, dass nur das „A“ nicht frei schwebt. Ein Provisorium. Durch seine abgewinkelte Position ist der Schriftzug sowohl von der Einfahrt Normannenstraße wie auch von der Ruschestraße lesbar. Der Sichtschutzwall wird so zum Träger für das vormals geheim gehaltene Verborgene. Ein so überdimensionierter Verrat wird zum Gedenken und Andenken

Der Schriftzug, der Begriff, das Wort, die Kurzform ist nach nunmehr über 20 Jahren der Auflösung dieses Ministeriums international bekannt. Das englischsprachige Wikipedia listet STASI als Schlagwort auf. Somit steht dieser Begriff nicht nur für das MfS, sondern für die Gesamtheit des DDR-Überwachungsapparates. Der denunziatorische Ton des Wortes verkehrte schon zu DDR-Zeiten die Rollen zwischen Anzeigen und Verratenwerden: „…Stasi! Stasischwein! Der ist Stasi!“ Das Geheime, das Verdeckte wird zum Negativlogo, zum Synonym für jene Form von kollektiver Freiheitsberaubung und Erniedrigung, wie sie durch dieses Ministerium institutionalisiert wurde. Ein Wort genügt, ein Wort wird zur mahnenden Gedenksymbol.

Der Schriftzug kann für weitere Markierungen im Außenraum genutzt werden. Hier wird von der durchschnittlichen Größe einer Person ausgegangen, der Informationsstelen zu Grunde liegen. Vervielfältigt, verteilt um das Gelände in den anliegenden Straßenzügen leitet das zur Skulptur gewordene Logo zum Hauptschriftzug. Jede Stele trägt den weithin sichtbaren Schriftzug und kann bei näherer Betrachtung für zusätzliche Informationen Verwendung finden.

Bild 1: Der übermächtige Schriftzug benutzt den in der DDR weit verbreiteten Schriftfont „Super Grotesk“. Wie ein vom Dach abmontiertes Firmenlogo scheint es auf dem Vordach abgestellt zu sein.

Bild 2: Durch ihre angewinkelte Position ermöglicht die „Leuchtreklame“ ihre Lesbarkeit von beiden Zugängen auf das Gelände. Dennoch bleibt es eine skulpturale Geste, die durch die Volumen der Buchstaben formuliert wird.

Bild 3: Das Symbol verrät übergroß das ehemals Geheime und thront wie ein stummer Vorwurf auf der Sichtblende zum Haupteingang. Wie aus den Angeln gehoben wird das Wort zum monumentalen Denkzettel an der Fassade des Gebäudes.

Bild 4: Aus dem Gebäude gesehen sind die Seiten verkehrt. Der Besucher steht in den authentischen Räumen des Museums auf der falschen Seite. Von hier aus lässt sich der in dem Begriff implizierte Irrsinn begreifen.

Bild 5: Auch von hoher Entfernung ist die Schrift noch gut lesbar und wird zum Magneten. Durch seine hohe internationale Bekanntheit sind die fünf Buchstaben für Besucher unterschiedlicher Herkunft kein Geheimnis mehr.

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