Via Lewandowsky

Post Tenebras Lux

Posted in Alles by vialewando on 12. Mai 2013

Wenige Worte über einen wortkargen Film

Da ist sie wieder, die Bibel mit all ihrer Sprachgewalt und ihren Verheißungen, ihrer Lichtmetaphorik, die am Ende alle Suchenden im Dunkel der Mißverständlichkeit stehen läßt. POST TENEBRAS LUX. Trotzdem muten sich Religionen und Staaten Leitsprüche zu, dem der Künstler nur mit Sarkasmus und der Ästhetisierung von Vergeblichkeit begegnen kann. Am Ende entscheidet der Affekt, die Laune, das Schicksal über Licht oder Dunkel. Dann sind alle Mühen mit einem Mal Windhauch. Windhauch, Windhauch alles ist Windhauch sagt Kohelet der Prediger ein paar hundert Seiten nach Hiob, wo wir den Filmtitel finden. Aber was Hiob genau meinte, ist auch in den Mühlen der Übersetzungen zu Staub geworden. Die Redewendung POST TENEBRAS LUX entspricht etwa dem Moment, wenn ein Nahtodpatient sagt, ich habe Licht gesehen. Ob Zustand, Erfahrung oder spiritueller Diskurs, wir glauben an die Metaphorik von Licht und Finsternis. Es ist ein in unsere Gene eingeschriebenes anthropologisches Bild. Der Film POST TENEBRAS LUX von Carlos Reygadas setzt uns dieser Erfahrung aus.
Vor ein paar Tagen bin ich aus dem Land zurück gekommen, daß man zu Zeiten von Hiob und Kohelet noch Judäa, Samaria und Kanaan nannte. Die Reise begann an dem Tag, als zehn Menschen in einem Linienbus in Tel Aviv von einem Bombenanschlag zum Teil schwer verletzt wurden. Dies war die letzte Nachricht, die mich auf meinem Telefon schon im Flugzeug sitzend erreichte. Aber aus der Luftfahrt kennt man ja den lakonischen Terminus: POINT OF NO RETURN. Es hätte keinen ungünstigeren Zeitpunkt geben können, um für eine Recherche in die Westbank aufzubrechen. Im Gepäck hatte ich die älteren Filme BATTLE IN HEAVEN, JAPON und SILENT LIGHT von Carlos Reygadas. Eher zufällig, da die Zeit wieder einmal zu knapp war, mich vor meinem Aufbruch ins Morgenland auf den heutigen Abend vorzubereiten. Doch wie wichtig plötzlich meine „Reiseliteratur“ in Filmform wurde, merkte ich, als ich nach einem nächtlichem Rundgang bei strömenden Regen durch die Altstadt von Jerusalem wieder in meinem Quartier nahe der V. Leidensstation an der Via Dolorosa angekommen war und SILENT LIGHT anschaute. Der Film wirkte in mir wie ein Wahrnehmungsverstärker, wie Glutamat für die Sinne, wie ein apostolischer Brandbrief. Am nächsten Morgen betrat ich ein anderes Jerusalem. Die Reise konnte beginnen. Ein Experiment des parallelen Kinos.
Was aber hat das eine mit dem anderen zu tun? Das Opus Magnum von Carlos Reygadas mit dem Elend der Westbank? Es sind die unterschwelligen Botschaften im Film und in meiner Reiserealität. Während der Fernseher im Frühstücksraum eines mit Stacheldraht geschützten Resorthotels am Toten Meer Wrestling- und Ketchkämpfe zeigt, sieht man in allen Imbisslokalen von Jericho bis Dschenin die unbewegte Kameraeinstellung der Kaaba in Mekka und die sie umrundenden Scharen von Gläubigen. Die Einstimmung in der Kampfpause vor dem nächsten Konflikt kann nicht unterschiedlicher sein. Wie im Film prallen zwei Welten aufeinander, die sich manchmal sehr nah und oft wieder sehr fremd sind. Die Bedingung des Lebens ist, es muß, es wird Blut fließen.
Dazu kommt die Langsamkeit mit der die Bilder ins Bewußtsein tröpfeln. Es ist diese quälende Spannung, die in der Luft hängt, es ist wie der einen Raum ausfüllende Geruch eines schon längst verzehrten Essens. Meine Reise entwickelt sich mit der gleichen Langsamkeit wie die Szenen im Film. Als würde der Film das Innehalten Stück für Stück aneinanderreihen und zu einem großartigen Bild der Ruhe komponieren. Jeder Sound, jeder Ruf oder Schrei hat seinen eigenen großen Auftritt, jedes Geräusch sein Solo. Ohne dass man es bemerkt, findet man sich plötzlich in gefährlicher Nähe zur Obskurität eines privaten Alltags wieder. Wir sehen das, was uns sieht. Die kleinen Helfer in Form von Ritualen und Abläufen simulieren Normalität, obwohl man die fremden Götter an diesem Ort nicht kennt. Es ist dieser unausgesprochene fatale Rousseausche Lockruf: zurück zur Natur, denn wir sind alle gleich. Carlos Reygadas krisengeplagte Familie, la famiglia, die wie die kleinen Humboldts losgezogen sind, hoffen Hilfe von außerhalb, von diesem sie umgebenden Fremden zu bekommen. Das Paradies ist aber ein gefräßiges Monster, das keinen Moment der Erniedrigung und Einschüchterung ausläßt. Dennoch halten sie tapfer durch, mit bildungsbürgerlicher Aufrichtigkeit und liberalen Anstand wie sie es gelernt haben und lassen dabei nichts aus, Gruppentherapie ebenso wie Gruppensex. Aber die Expedition muß scheitern. Sie scheitert an dem, was man als tragigkomisches Detail, einem Moment der Unachtsamkeit beschreiben könnte. Sie scheitert auch am Glauben, daß man das Fremde und sich kampflos überwinden kann. So verengt sich auch immer wieder der Blick auf einen imaginären Mittelpunkt. Als hätte man Pupillen erweiterndes Atropin im Auge, werden die Ränder unscharf. Auf der anderen Seite stehend könnte der sich selbst Enthauptende zur Rechtfertigung sagen: Euer Tagtraum ist mein Minenfeld (Durs Grünbein).
Am letzten Tag meiner Reise wache ich gegen 5 Uhr früh durch das verzerrte Echo eines Muezzin auf, das eher wie ein atemloses Brüllen klingt. Es ist noch dunkel im Guesthouse des Cinema Dschenin. OBSCURITAS heißt lateinisch die Dunkelheit. Es ist so vieles obskur und unverständlich gewesen auf meiner Reise. Trotzdem würde ich sie jeden Augenblick wiederholen. Das ist die einzige Gewißheit und die ist wie das Licht des Projektors. Laßt es finster werden, und sehet selbst.

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Interview mit der Hauptdarstellerin Nathalia Acevedo anläßlich der Filmpremiere von „Post Tenebras Lux“ von Carlos Reygadas zum Filmfestival 7. AROUND THE WORLD IN 14 FILMS am 4.12.2012 im Filmtheater Babylon Berlin.

Version español:

Aquí está de nuevo, la Biblia con toda su retórica y sus promesas, sus metáforas lumínicas que al final dejan a todos los que buscan en la oscuridad de las ambigüedades.
POST TENEBRAS LUX. Aun así, las religiones y los Estados se permiten utilizar lemas que el artista sólo puede tratar con sarcasmo y estetizando su inutilidad.
Al final, el afecto, el humor y el destino deciden entre la luz y la oscuridad.
De pronto, todos los esfuerzos se desvanecen como una ráfaga de viento. Una ráfaga de viento, todo es una ráfaga de viento, dice Eclesiastés o el Predicador unos cientos de páginas después de Job, donde encontramos el título de la película. Pero lo que Job quería decir exactamente se pierde por los derroteros de la traducción. La expresión POST TENEBRAS LUX se refiere, por ejemplo, al momento en el que los pacientes que viven experiencias cercanas a la muerte dicen ver una luz. Ya sea un estado, una experiencia o un discurso espiritual, creemos en la metáfora de la luz y las tinieblas. Es una imagen antropológica grabada en nuestros genes. La película POST TENEBRAS LUX de Carlos Reygadas nos expone a esa experiencia.
Hace un par de días que volví del país que en los tiempo de Job y Eclesiastés se conocía como Judea, Samaria o Canaán. El viaje comenzó el día en que diez personas resultaron heridas en un atentado bomba a un autobús de línea en Tel Aviv, algunas de ellas de gravedad. Esta fue la última noticia que me llegó cuando ya estaba sentado en el avión. Pero como dice el lacónico término de la aviación: POINT OF NO RETURN. No podía haber escogido un peor momento para iniciar mi investigación en la Ribera Occidental. En el equipaje llevaba las anteriores películas de Carlos Reygadas: BATALLA EN EL CIELO, JAPÓN Y LUZ SILENCIOSA. Más bien por casualidad, pues el tiempo para prepararme para esta noche antes de mi partida hacia Oriente había vuelto a ser demasiado justo. De la importancia de mi “literatura de viaje” en forma de películas me di cuenta cuando, tras un paseo nocturno bajo la fuerte lluvia por el centro histórico de Jerusalén, regresé a mi alojamiento cerca de la estación V de la Vía Dolorosa y vi LUZ SILENCIOSA. La película tuvo en mí un efecto potenciador de la percepción, como glutamato para los sentidos, como una apremiante carta apostólica. A la mañana siguiente accedí a un Jerusalén distinto. El viaje podía empezar. Un experimento de cine paralelo.
Pero, ¿qué tiene que ver una cosa con otra, la ópera magna de Carlos Reygadas con la miseria de la Ribera Occidental? Son los mensajes subliminales de la película y de la realidad de mi viaje. Mientras que en el comedor de un hotel protegido con una alambrada cerca del Mar Muerto, el televisor muestra wrestling y lucha libre, en todos los puestos de comida de Jericó a Yenín aparece la imagen fija de la Kaaba en La Meca y la multitud de creyentes que la rodean. El ambiente durante la tregua antes del siguiente conflicto no puede ser más dispar. Como en la película, chocan dos mundos que a veces son muy cercanos y a menudo muy ajenos. La premisa de la vida es: es necesario que se derrame sangre.
A esto hay que sumar la lentitud con la que las imágenes se cuelan en la conciencia. La tensión torturante que reina en el aire es como el olor de la comida que llena el espacio mucho después de que se haya comido. Mi viaje se desarrolla con la misma parsimonia que las escenas de la película. Como si ésta fuera ensartando poco a poco los momentos de quietud para componer una extraordinaria imagen de tranquilidad. Cada sonido, cada exhortación o grito tiene su gran aparición en escena; cada ruido, su solo. Sin darse cuenta, uno se encuentra de pronto peligrosamente cerca de la oscuridad del día a día privado. Vemos lo que nos ve. Las pequeñas ayudas en forma de rituales y procesos simulan normalidad, aunque en este lugar no se conocen los dioses ajenos. Es el fatal reclamo no pronunciado de Rousseau: la vuelta a la naturaleza, puesto que todos somos iguales. La familia sumida en la crisis de Carlos Reygadas, la famiglia, que ha partido como si de una expedición de Humboldt se tratase, espera que la ayuda llegue de fuera, de los extraños que la rodean. Sin embargo, el paraíso es un monstruo voraz que no perdona ningún momento de humillación e intimidación. Aun así se defienden con valentía, con honestidad de burgueses cultos y dignidad liberal, tal y como lo han aprendido. Y no dejan nada sin probar, desde la terapia de grupo al sexo en grupo. Pero la expedición está destinada al fracaso. Fracasa por lo que podría describirse como un detalle tragicómico, un momento de distracción. Fracasa también por la creencia de que se puede vencer lo ajeno y a sí mismo sin que opongan resistencia. De este modo, el campo de visión se reduce una y otra vez a un punto central imaginario. Los bordes se difuminan como si uno se hubiera echado gotas de atropina en los ojos para dilatar las pupilas. Desde el otro lado, el que se auto decapita podría decir como justificación: vuestra ensoñación es mi campo de minas (Durs Grünbein).
El último día de mi viaje, me despierta sobre las 5 de la mañana el eco distorsionado de un muecín, que suena más bien como un berrido jadeante. Aún está oscuro en el hostal del Cinema Jenin. OBSCURITAS significa oscuridad en latín. Ha habido muchas cosas oscuras e incomprensibles en mi viaje; sin embargo, volvería a repetir cada instante. Esta es la única certeza, similar a la luz del proyector. Sumíos en la oscuridad y ved por vosotros mismos.

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Eine Antwort

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  1. vialewando said, on 12. Mai 2013 at 19:16

    das ist aber eine schöne nachdenkliche Einführungsrede. (…) Schön beschrieben ist diese unheimliche historische Schläfrigkeit vor der nächsten Detonation. Man kann förmlich die Fliegen in der Mittagshitze von Jericho summen hören …

    Durs Grünbein


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