Via Lewandowsky

Permanent temporär, 2014

Posted in Alles, Arbeiten by vialewando on 15. Mai 2015

Wettbewerbsbeitrag in Zusammenarbeit mit Heine/Lenz/Zizka Projekte Frankfurt für ein Desserteursdenkmal in Hamburg

Die Errichtung eines Gedenkortes für die Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz ruft zahlreiche kontroverse Diskussionen hervor, die mehr Fragen aufwirft als Historiker und Wissenschaftler beantworten können. Die Aufarbeitung der Thematik im vorliegenden Wettbewerb geht von der Nichtrepräsentierbarkeit des Unheils aus und. Kein Denkmal wird dem Unheil, den Widersprüchen und der schieren Größe der Gewalt gegen die Menschlichkeit gerecht. Das Gedenken kann nur als andauernder Prozeß, als interaktives, temporäres und partizipatorisches Werk bestehen. Als andauernde diskursive Massnahme läßt sich der Gedenkort nicht mit einer einfachen symbolischen Geste bewerkstelligen, es muss um die Umwidmung eines Denkmals der Heroisierung des Soldatentodes in einen Gedenkort für jene, die durch genau diesen Militärmaschine durch Dienstverweigerung zu Tode gekommen sind. Der Gedenkort wird zum historischen Beispiel für ein Unrechtssystem, das den Opfern von einer anderen Seite gedenkt. Die Umwidmung eines Gedenkortes folgt einer internationalen Tradition.

Ausgehend von dem Wissen um die Bedeutung der Geschichte des Ortes am Dammtor, dem Bestreben der Integration einer vorangegangenen Auseinandersetzung mit der Thematik und der Aufgabenstellung einer Schaffung eines zentralen Gedenkortes werden zwei Elemente vorgeschlagen: zum einen die permanente Einrüstung des 76er Denkmals und zum anderen ein wiederkehrendes gestalterisches Formblatt als Lochblatt, das als Logo, Infotafel oder Gedenktafel erscheint. Ergänzt werden diese Elemente durch eine mediale Vermittlungsplattform in Form einer Homepage und einer App.

Gerüst: Die dauerhafte Einrüstung des vorhandenen Denkmals erschließt die vorhandene Denkmalsthematik und verändert den Zugang zu und den Umgang mit ihr. Sie versetzt das Denkmal in den Zustand eines Provisoriums, das Denkmal in ein sich in der Rekonstruktion befindliches Objekt. Die monolithische Präsenz und vermeintliche massive Monumentalität des 76 Denkmals wird aufgelöst zugunsten einer fragilen, offenen Erscheinung durch die transparente Umbauung. Das Bild eines begehbaren Gerüstes zeigt eine Hilfskonstruktion die Bereiche zugänglich macht, die sonst ausserhalb unserer Reichweite liegen würden. Es zeigt einen Zustand der Auseinandersetzung, der Bearbeitung und des Vorläufigen.

Die Einrüstung bewertet die Verbindung zwischen Opfer und Täter, zwischen Legislative und Exekutive, zwischen Macht und Widerstand, zwischen demonstrativer Hülle und inhaltlicher Leere, zwischen dem Mut zum Zweifel und Bestreben der Wiedergutmachung neu.

Das Funktionale wird betont, durch die Rampe kann man sich das Denkmal auf Augenhöhe erschließen bis hin zu dem Punkt, an dem mit dem Erreichen der obersten Gerüstplattform die innere Leere des 76 Denkmal als kulissenhafter Hohlkörper sichtbar wird.

Lochblatt/Formblatt: Das Formblatt ist abgeleitet von einem gelochten DIN A 4 Blatt und dient als variables gestalterisches Grundelement, das für alle relevanten Inhalte am zentralen Gedenkort und an allen externen Orten als Display eingesetzt wird. Als Logo, als Informationstafel am Gerüst, als Gedenktafel kann es in Erscheinung treten. Erkennbar bleibt es immer an der Lochung und den vom DIN Format abgeleiteten Proportionen.

Das weisse Blatt Papier, das in Form von Verordnungs-, Gesetzes-, Protokollblättern benutzt, gelocht und abgeheftet wurde in der Kartei des Grauens, steht für die zahlreichen Schicksale der Opfer. Das weisse Lochblatt verweist auf die Aktenlage im Hintergrund und damit auf die Banalität des Bösen (Hannah Arendt). So kann es Sinnbild für die administrative Verwaltung des Unrechtsystems und die Normierung des Schreckens sein. Es steht für die systematische Unterordnung unter ein formalisiertes System und die vermeintliche Entschuldung aus selbigem.

Gerüst und Formblatt/Lochblatt: 

Gerüst, Rampe, und Lochblatt/Formblatt sind die Instrumente, die die prozesshafte Erschließen eines neuen, korrespondierenden Denkmals ermöglichen.

Die barrierefreie Rampe führt an den mit Informationen zu den Opfer gefüllten Formblättern vorbei zur um das Denkmal herum. Mit dem kontemplativen Akt des Betrachtens des profanen Inhalts sowie durch die Möglichkeit, durch das Gehen unterschiedliche Betrachterpositionen einzunehmen, wird die ursprünglich repräsentierte Idee des 76er Denkmals auf eine einfache Art und Weise durch die eigene so bisher nicht sichtbare Gestalt relativiert. Die Erfahrung des Gedenkens erfolgt durch ein symbolisches Sich-Ablösen vom Boden jahrzehntelanger historischer Fakten.

2014hamburg5

2014hamburg6

2014hamburg1 2014hamburg2

2014hamburg3 2014hamburg4

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: