Via Lewandowsky

Stoff aus Licht (oder Politik der Pause), 2017

Posted in Alles, Kunst-am-Bau by vialewando on 8. September 2017

Wettbewerbsbeitrag für die neue Cafeteria der Verwaltung, Deutscher Bundestag

Der Vorhang zieht sich durch die Kunst- und Kulturgeschichte der Menschheit wie ein roter Faden. Von den antiken Darstellungen bis zu aktuellen Ausstellungen wird der Vorhang in der Kunst immer wieder neu bearbeitet, inszeniert und interpretiert. Er ist elegante Verhüllung oder wertvoller Rahmen, er erhöht die Bedeutung und den Wert eines Gegenstandes oder Ortes, er ist die flexibelste und effizienteste Trennung zwischen Räumen, zwischen Innen und Außen, zwischen dem Davor und dem Dahinter. Vorhänge sind mobile Skulpturen, bei denen der Rhythmus des Faltenwurfs immer wieder neu mit Licht und Schatten spielt.

Stoff aus Licht: Zwei Vorhänge stehen in einem gegensätzlichen Verhältnis. Ein Vorhang erscheint als fotografisches Motiv in der Scheibe der Fensterfront. Glas wird zu Stoff. Ein Stoffvorhang entlang der Wände des Mittelblocks ist mit dem Bild eines von einer Ornament-Glasscheibe verdeckten Vorhanges bedruckt. Stoff wird zu Glas. 

Politik der Pause wird in der Pause der Politik gemacht. In diesem Sinne gibt es keine Pause. Die Politik sieht sich zunehmend auf einer Bühne, auf der nie der Vorhang fällt. In der neuen Cafeteria der Verwaltung des Bundestages wird das anders. Auf der Bühne befindet sich hier der Vorhang selbst. Inszeniert als gläserne Verhüllung, scheinbar als Glas und scheinbar als Stoff. Die Dinge sind eben nie wie sie scheinen. Zerbrechlich ist der eine, unzerbrechlich der andere. Beide spielen mit dem Licht, bildhaft und wirklich.

Es liegt nahe, an einem Ort, an dem es einst Theater und bürgerliche Wohnungen gab, an dem es wieder um Repräsentation und Offenheit, wie auch um Abgeschirmtheit und Sicherheit geht, das Thema des Vorhangs aufzugreifen. Einerseits geht es dabei konkret um den Erhalt der Transparenz der Fensterfront, Licht von draußen hereinzulassen und andererseits um einem Ort Intimität und Ruhe zu gewähren. Durch das Thema des Vorhanges wird die Frage des Sichtschutzes genauso berührt wie die Frage nach einer bestimmten Atmosphäre im Raum.

Die farbig reflektierende Oberfläche des Glases spiegelt in den unbearbeiteten Flächen den jeweils gegenüberliegenden Raum. Die fotorealistische Übertragung erzeugt ein Vorhang-Tromp-l’œil, das sich je nach Blickrichtung farblich verändert. Das Zusammenspiel von Spiegelung, Reflexion und graviertem Bild des Vorhanges verdeckt immer wieder anders Innen- und Außenraum. Zu unterschiedlichen Tageszeiten und den damit verbundenen veränderten Lichtsituationen verändert sich das Bild auf beiden Seiten der Glasfront.

Die Gestaltung der Möblierung schließt sich dem zurückhaltendem durch den Vorhang bestimmten Ambiente an. Im Sinne einer politischen Geschichte, die sich auch durch Design in ihrer jeweiligen Epoche äußert, werden unterschiedliche Sitzgruppen, Tische, Stühle  und Lampen kombiniert. Ihre zeitgeschichtlichen Referenzen sind eindeutig und beziehen sich auf konkrete Orte und historische Momente. Sie spielen aber auch mit den Begriffen „Runder Tisch“, „Stammtisch“, „Grüner Tisch“ oder „Lange Bank“.

 

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fassade1 - Arbeitskopie 2

gruenervorhang_streifen - Arbeitskopie 2

 

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