Via Lewandowsky

Im Verhältnis, 2017

Posted in Alles, Kunst-am-Bau by vialewando on 16. November 2017

Wettbewerbsbeitrag Kunst-am-Bau für den Neubau des Justizzentrums Bochum

In der deutschen Rechtsprechung kommt drei Begriffen eine besondere Bedeutung zu: geeignet, erforderlich und angemessen. Sie sind Ausdruck eines Rechtssystems, das die Grundrechte des Menschen im Strafrecht, im Zivilrecht und im öffentlichen Recht zur Bedingung allen juristischen Handelns erklärt. Das Verhältnismäßigkeitsprinzip wägt das richtige Maß für den Ausgleich zwischen den Zielen und den eingesetzten Mitteln ab. Die Folge ist die fragile Balance zwischen juristischer Nüchternheit und emotionaler Zustände. Jede noch so unbedeutende Aussage, jedes noch so unscheinbare Detail kann zu schicksalhaften Konsequenzen führen. Am Ende gibt es Gerechtigkeit im Sinne der Rechtsordnung, aber möglicherweise nicht für die Betroffenen. Die Anwendung der Gesetze im Sinne der Verhältnismäßigkeit und der Gerechtigkeit ist ein fortwährender Kraftakt, der sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen muß.

Die Arbeit „Im Verhältnis“ installiert das Bild einer Balance. Weit in das Atrium hinein reicht ein solider Balken, der an einem Ende mittels eines Pfostens scheinbar gegen die Decke der umlaufenden Galerie in der zweiten Etage gedrückt und so in seiner Position gehalten wird. Auf dieser Konstruktion steht am freien Ende des Balkens ein Gefäß. Pfosten und Balken sind in dem gleichen roten Farbton. Der Pfosten steht leicht schief eingeklemmt, als würde es sich um eine temporäre Maßnahme handeln. Das Gefäß, eine glänzende, durchscheinende Vase schwebt über der Mitte des Atriums in 13 m Höhe. Mitten im Raum steht das Objekt einerseits sehr exponiert, andererseits auch etwas deplatziert. Der massive Balken gibt scheinbar unter dem Gewicht der leichten Vase nach. So zeigt sich ein humorvolles Bild zur Wirkung des Hebelarmes und der Kräfte, die zur Erhaltung der Balance notwendig sind.

Bedingt durch die leicht gebogene Form des elastisch anmutenden Balkens steht das Gefäß nicht ganz gerade und scheint dadurch selbst zu balancieren. Der Betrachter kann die bedenkliche Position der zerbrechlichen Vase sehr gut antizipieren. Der Verlorenheit des Gefäßes steht jedoch der benötigte Aufwand ihrer Anwesenheit an diesem Ort entgegen. Der Boden, die Decke des Gebäudes werden so zum Gegengewicht. Die Vase wird dabei zum Ausdruck sehr gegensätzlicher Zustände: exponiert in der Öffentlichkeit und trotzdem entrückt zu sein, leicht und doch nur durch massive Unterstützung getragen werden zu können.

Für die Architektur des Raumes bedeutet dieser Balanceakt, die Dimensionen des Atriums mit einer temporär erscheinenden Konstruktion in ein Verhältnis zu setzen. Die Leichtigkeit der Installation des im Raum schwebenden Balkens und die darauf balancierende Vase kontrastieren Fragilität, Spontanität, Beweglichkeit mit der klaren Ordnung eines gewaltigen Innenraumes. Wie zwei Extreme stehen sie im Verhältnis zueinander und zeigen von jeder Position des Raumes aus eine neue Variante ihres Spieles mit Offenheit und Geschlossenheit, mit Begeh- und Nichtbegehbarkeit, mit Funktionalität und artistischem Eigensinn, mit Vertrautheit und Fremdheit, mit Schutz und Freiheit, mit Flexibilität und Gewißheit.

Der Balken mit den Maßen von 15 cm Dicke, 50 cm Breite und
14 m Länge ragt leicht schräg etwa 7 m in den Luftraum des Atriums. Nur über 2,50 m berührt der Balken die Decke, bevor er sich scheinbar von der Decke löst und auf dem Stützpfosten ruht. Der Balken wird aus GFK (Glasfaserverstärkter Kunststoff) mit einer statischen Wabenstruktur im Innern sein. Die Lackierung ist matt und in dem roten Farbton der Deutschen Gesetzessammlungen.

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