Via Lewandowsky

Irsinn Punkt

Posted in Alles, Arbeiten, Kunst-am-Bau by vialewando on 25. Juni 2018

Wettbewerbsbeitrag für das NS – Dokumentationszentrum und Denkmal zur Bücherverbrennung am Königsplatz in München

Für das Konzept des Denkmals sind vier Eigenschaften maßgeblich:

  1. Das Denkmal verwendet nicht das Buch in seiner physischen und symbolischen Präsenz und Abwesenheit, da es als Allegorie, Piktogramm und Skulptur zur beliebigen Geste werden kann.
  2. Es weist auf die zeitenübergreifende Dimension der Bücherverbrennung hin und beschränkt sich nicht auf ein Datum. In Deutschland haben Bücherverbrennungen nicht nur an einem Tag stattgefunden, sondern sind ein Phänomen der Dauer. Das Denkmal ist somit nicht nur lokal wirksam, sondern erfasst die Bücherverbrennungen als Bewegung und Prozess, der mitunter heute auch noch wirksam ist.
  3. Das Denkmal erinnert nicht nur abstrakt an die Geschehnisse, sondern enthält auch ein Statement, damit es nicht zum Teil des Inventars einer Stadtmöblierung verkommt.
  4. An einem so bedeutsamen Ort wie dem Königsplatz in München, wo der Geist kulturhistorischer Höhenflüge der Menschheit durch die Museen und Universitäten und die städtebauliche Anlage herrscht, führt das Denkmal dem Geist seine größte Schwäche und Gefahr vor Augen. Das Denkmal wird so auch als Bedrohung formuliert, die jederzeit wieder stattfinden kann, denn der Geist ist immer anfällig für den Irrsinn.

In den gestampften Kiesboden vor den Stufen zum Eingang der Antikensammlung ist der vier Meter lange und ein Meter breite Schriftzug „Irrsinn.“ in einer klassischen Buchdruck-Typographie aus Stein in den Boden flächenbündig eingelassen.

Im Verhältnis zur Platzgröße sucht sich die Dimension des Schriftzuges seinen Bezugspunkt eher an der Größe des Rondells als einem Element der Gesamtstruktur als an der gesamten Größe des Platzes. Der Schriftzug ist wie eine Landkarte nach Norden ausgerichtet: West/Ost entspricht links/rechts, Nord/Süd entspricht oben/unten.

Der begehbare Schriftzug ist aus der Ferne kaum wahrnehmbar, weil er sich in seiner Farbigkeit nur leicht vom Boden unterscheidet. Um ihn dennoch gut lesen zu können, steigt man am besten auf die Stufen der Antikensammlung. Je nach dem Wissensstand des Passanten, Besuchers oder Interessenten erklärt sich der Schriftzug „Irrsinn.“ anders.

Der Schriftzug fungiert als Inschrift auf dem Platz, die zusätzlich die konkreten Orte und Zeiten aller deutschen Bücherverbrennungen als Inschrift trägt. Dieser Text im Schriftzug ist so verfasst, dass er auch international gelesen und verstanden werden kann.

Das Bodendenkmal entfaltet seine Wirkung nicht über die Größe der Ausführung, sondern über die Kraft des Wortes „Irrsinn.“ Formal bleibt es fast unsichtbar, so wie auch der Irrsinn so lange unsichtbar ist, bis er sein Zerstörungswerk beginnt. Irrsinn kann man nicht schön reden, nicht relativieren, kann man nicht im Positiven vereinnahmen, das Wort ist hermetisch, inkompatibel. Irrsinn ist der Gegensatz zur Vernunft. Irrsinn ist Irrsinn. Punkt.

oben_vogel

IMG_1069

Inschrift

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: