Via Lewandowsky

как жаль (ach, schade)

Posted in Arbeiten, Moskau by vialewando on 3. November 2009

Installation zu „Art on Site“, New Center of Contemporary Art, Moskau, 2009

30 Ausstellungssockel, angebrannt, Schriftzug „как жаль“

Jeder Brand ist ein irreversibler Vorgang, Entropie. Ein Brand vernichtet und äschert ein. Erfolgt er beabsichtigt, bedeutet er Protest, Demonstration oder Ritual. Unbeabsichtigt ist er immer eine Katastrophe. 1970 verbrennt John Baldessari seine gesamte Malerei. 2004 verbrennen in einem Londoner Lager große Bestände der Saatchi-Sammlung.
In beiden Fällen bedeutet Brand Gewinn und Verlust in einem. Der Gewinn ist die Gewissheit des Verschwundenen, das unwiderruflich ausgelöscht bleibt. Der Verlust ist das gerade Aufgegebene, dass bereit ist, sich in einen symbolischen Zustand umzuwandeln. Die Ereignisse sind austauschbar.
Dreißig Mal ist ein Sockel soweit verbrannt, bis er unbrauchbar geworden ist. Dreißig Mal zeigt dieses nun nutzlos gewordene Museumsutensil eine durch Brandspuren entstandene Gestalt, ein ästhetisches Gebilde, geformt durch einen künstlerischen Akt von Vandalismus.
Wie in einem Sammellager, einem Depot für forensische Artefakte bildet diese Gruppe eine architektonische Landschaft. Die Ordnung der symmetrischen Reihen erscheint als letzter Versuch, der geschehenen Katastrophe etwas schönes abzuringen – so wie die Ruinen einer ausgebrannten Stadt dem Horror eine bizarre Verzauberung verleihen.
Allein der Schriftzug kommentiert die rußige Aura mit einem Seufzer.

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„ach, schade“ – Abschied von Moskau

Posted in Moskau by vialewando on 24. Oktober 2009

Nach dem dritten und letzten Aufenthalt innerhalb eines Jahres ist die Neugierde fürs Erste befriedigt. Die Frage, ob ich Moskau mag oder nicht, bleibt offen. Jeder der Besuche brachte mich dem Moloch näher, aber auch dem beängstigenden Gefühl, hier am bröckligen Rand Europas, an einem tiefen Abgrund zu stehen. Zweifellos haben die großen russischen Städte, allen voran Moskau, einen gewaltigen Kraftakt bei der Instandsetzung ihres Wohlbefindens geleistet. Dennoch bleiben zahllose Seufzer. Die russische Seele scheint zweifellos der stärkste Treibstoff tiefer Seufzer zu sein. Das Prinzip Vergessen, Schweigen, Zurückkehren sitzt unüberwindbar in jeder Faser russischen Denkens. Ein Land das jahrzehntelang von der Diktatur des in ferne Utopien Blickens geprägt war, will das Neue unter anderem nur um den Preis der Erhaltung des Privilegienprinzipes. Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, Minderheitenschutz, eine endlose Liste, für ein Drittweltland wenig überraschender Themen, sind hier nett umhüllt mit den Potemkinschen Fassaden westlichen Aufbruchs. Ein Land, dass einerseits meint vor Ressourcen aus den Nähten platzen zu müssen, lässt sich vom IWF Geld geben, um seine von apokalyptischen Ausmaß fortschreitende Aids-Epidemie zu bekämpfen. Es ist einfach nicht einzusehen, dass lautstark auf China eingeschlagen wird, von der Polizei verprügelte chinesische Künstler als Märtyrer in medialen Sänften durch den Westen getragen werden, während in Russland seit Putin hunderte Journalisten erschossen, vergiftet, in die Luft gesprengt wurden. Die Selbstverpflichtung zum kollektiven Leiden wird vom Westen, wenn überhaupt wahrgenommen, mit Bewunderung goutiert.  Aber vielleicht ist auch die Macht des Bösen so stark, so nah, so unbegreiflich wie ungeschminkt, dass der Westen lieber seiner guten alten Opportunistenschwäche anheim fällt und schweigt. Denn, wer nicht schweigt, wird in guter alter Stalinistischer Manier an den Rand gedrängt, als inkompetent gedemütigt und ausgesondert.
So seufzt man einfach weiter vor sich hin. Und weiß, dass man wiederkommen wird und wieder staunen wird, staunen über das eigene Staunen. So, wie es die vielen nach der Heimat sehnsuchtskranken Dissidenten, Wirtschaftsflüchtlinge, geschassten Oligarchen tun. Kein Exil kann so schön sein,  dass es Russland und seine unheimliche Faszination zu ersetzen vermag.

VL

Der Lärm einer Maschinenhalle ähnlich hängt wie eine Glocke über dem friedlichen Anblick.

Vor 22 Jahren hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Moskau westlich wird.

Vor Neo-Stalinburgen ruhen die fliegenden Wachhunde der Utopien von gestern.

Der Sieg der Freiheit ist oft nur eine Illusion, der schöne Schein wird manchmal wieder von der Vergangenheit eingeholt.

Sanierung des Narkomfin-Hauses, der ersten sowjetischen Kommune erbaut von dem Vertreter des sowjetischen Konstruktivismus Moisei Ginsburg.

Sanierung des Narkomfin-Hauses, der ersten sowjetischen Kommune erbaut von dem Vertreter des sowjetischen Konstruktivismus Moisei Ginsburg.

Bei allen Veränderungen wird es ein Traum bleiben, dass das verruchte Gebäude an der Lubjanka zum Museum für die Opfer des Stalin-Terrors wird.

Bei allen Veränderungen wird es ein Traum bleiben, dass das verruchte Gebäude an der Lubjanka zum Museum für die Opfer des Stalin-Terrors wird.

Letzte Spuren einer Wildwest-Vermarktwirtschaftlichung des ganzen Landes.

Letzte Spuren einer Wildwest-Vermarktwirtschaftlichung des ganzen Landes.

Lenin blickt auf dem Leningrader Bahnhof in Richtung St. Petersburg, nur ein Werbebildschirm versperrt ihm die Aussicht.

Lenin blickt auf dem Leningrader Bahnhof in Richtung St. Petersburg, nur ein Werbebildschirm versperrt ihm die Aussicht.

Wie vor 22 Jahren verlasse ich die Stadt am späten Abend mit dem Zug.

Wie vor 22 Jahren verlasse ich die Stadt am späten Abend mit dem Zug.

Beim Anblick des Bordrestaurants kommen unweigerlich nostalgische Gefühle auf.

Beim Anblick des Bordrestaurants kommen unweigerlich nostalgische Gefühle auf.

Vielleicht hilft mir die elektrische Kreml-Pille, meinen Abschied besser zu verdauen.

Vielleicht hilft mir die elektrische Kreml-Pille, meinen Abschied besser zu verdauen.

Rakuschka, Rakuschka

Posted in Moskau by vialewando on 12. Mai 2009

Eine Besonderheit in einigen der ehemaligen RGW-Länder nach der wirtschaftlichen Öffnung und der damit verbundenen sprunghaften Zunahme von Autobesitzern ist der inoffizielle, illegale Privatparkplatz. Trotz gigantischer Straßen und riesiger Plätze gibt es in Moskau viel zu wenig Platz für den ruhenden Verkehr. Während sich Firmen oft mit rabiaten Methoden öffentlichen Raum aneignen und ihn mit allerlei Vorkehrungen zu sichern wissen, hat die Privatperson vor allem in den Wohngebieten es nicht ganz so leicht. Die Inanspruchnahme von öffentlichen Raum zeigt dabei in einfacher Form wie sich hierzulande marktwirtschaftliche Prinzipien entwickelt haben. Vom Gewohnheitsrecht bis zur militanten Verteidigung der Ansprüche gibt es alles. Die Muschel (ракушка) ist eine originelle und stilistisch interessante Form der Privatisierung. Ihre Wurzel findet man in den zu Ostzeiten begehrten Garagenkomplexen. Auch wenn man kein Auto besaß, war eine Garage eine nützliche Erweiterung des eigenen Wohnraums. Garagenbesitz konnte durchaus auch soziale Verbindlichkeiten schaffen, man grillte gemeinsam, half sich bei der Reparatur oder tauschte sich, natürlich immer unter Vertrauensvorbehalt, über Alltäglichkeiten aus. Man gehörte in gewisser Weise zu einer privilegierten Gruppe. Da es nun schon in früheren Jahren einen Mangel gab, wurde die Situation erst recht in den Neunziger Jahren akut. Die Rakuschka ist die Lösung auf eigene Faust. Schnell zusammengeschweißt und ergonomisch genug, um noch in eine Lücke zu passen, besetzt sie auf Dauer den Parkplatz. Die Muschel schützt nun das geliebte Symbol der Freiheit und stellt sicher, dass man nachts nicht lange um den Block fahren muss. Über die landschaftsarchitektonische Qualität dieser wie dahin geworfenen Blechkapseln kann man sich streiten. Unstrittig dagegen ist die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn es eigentlich genügend Raum gibt, aber keinen Platz.

VL

Ich bin klein, mein Herz ist rein.

Ich bin klein, mein Herz ist rein.

Im Grünen

Im Grünen

Anschmiegsam

Anschmiegsam

Cluster

Cluster

Offen als Drohgebärde

Offen als Drohgebärde

Verschmelzen von Form und Inhalt, die Muschel als Konzept.

Verschmelzen von Form und Inhalt, die Muschel als Konzept.

Die 64. Stunde Null

Posted in Moskau by vialewando on 10. Mai 2009

Durch die Zeitverschiebung um zwei Stunden hat das Ende des 2. Weltkrieges in der Sowjetunion offiziell erst am 9. Mai stattgefunden. Dieser Tag gehört noch heute zu den wichtigsten Feierlichkeiten in Russland. Je nach dem auf welchen Wochentag dieses Datum fällt, werden die Tage davor oder danach auch zu Feiertagen.
Der alteingesessene Moskauer verlässt dann die Stadt, begibt sich auf seine Datscha oder sucht zum Feiern einen geeigneten Ort auf. Neugierige versuchen Blicke auf die in den letzten Jahren wieder imposanter gewordene Militärparade zu erhaschen. Aber ohne Akkreditierung oder Einladung aufgrund besonderer Verdienste hat man im Zentrum der Stadt wenig Chancen viel zu sehen. Trotzdem ist es immer spannender, nicht an eine der Einfahrtsstraßen sich die Füße müde zu warten, sondern möglichst nahe an den bekannten medialen Bildern vom Kreml und dem Roten Platz zu sein. Beim Versuch dahin zu gelangen, werden die großen Straßen Moskaus recht schnell zu Sackgassen. Alle U-Bahn-Stationen in unmittelbarer Nähe sind geschlossen, Straßensperren riegeln das Areal weiträumig ab. Scheinbar interessiert das Tausende nicht, die dann einen kompakten menschlichen Belagerungsring um die Sicherheitszone bilden. Die Aufforderung zu den Ausfallstraßen zu gehen, sich die Parade lieber im Fernsehen anzuschauen, fruchten wenig. Der Bürger bewegt sich parallel zu den großen Boulevards auf den Wegen im Labyrinth der Hinterhöfe auf der Suche nach einem geeigneten Aussichtspunkt. Man ist geduldig und der kleinste Sichtspalt ist allemal interessanter als die wohlchoreografierte Inszenierung auf dem Bildschirm. Dazu kommt, dass es ein wiedererwachtes starkes Interesse gerade unter jungen Leuten gibt, diesen Tag bewusst zu feiern und zumindest kurz nach Aufhebung der Sperren sofort auf den Roten Platz zu eilen, um sich dann vor den leeren Tribünen, dem unverdächtig hinter einer Dekowand verborgenem Lenin-Mausoleum oder dem mit sowjetischer Symbolik dekorierten Edelkaufhaus GUM gegenseitig zu fotografieren. An der Ewigen Flamme für den Unbekannten Soldaten im Alexandrowski-Garten bildet sich eine lange Warteschlange. Scheinbar sind alle ethnischen Konflikte für einen Augenblick verschwunden, denn auch die abfällig als Schwarzen bezeichneten Bürger aus den ehemaligen, südlichen Teilen des riesigen Landes feiern mit und dürfen sich unter dem Schutzschild historischen Stolzes geborgen fühlen. Im gut gesicherten deutschen Dorf dagegen ist es recht ruhig. Nur der flackernde Widerschein eines vermutlich nächtlichen Feuerwerkes taucht die renovierten Plattenbauten in ein gespenstisches Licht. Später stellte sich heraus, dass der gelb-orange Nachthimmel von den 200 Meter hohen Flammen einer Gasexplosion rührte, die vermutete Party nur das Aushauchen einer müden Gasleitung war.

VL

Brückenkopf noch nach der Parade lange gesichert

Brückenkopf noch nach der Parade lange gesichert

Private Parade

Private Parade

Der wohl wichtigste zentrale Gedenkort, an dem ...

Der wohl wichtigste zentrale Gedenkort, an dem ...

... das Warten zum Ablegen der Blumen und Kränze zur demonstrativen Geste wird. Neu dabei ist das flüchtige sich Bekreuzigen.

... das Warten zum Ablegen der Blumen und Kränze zur demonstrativen Geste wird. Neu dabei ist das flüchtige sich Bekreuzigen.

Alles nach Protokoll, die Macht überläßt den Platz dem Volk.

Alles nach Protokoll, die Macht überläßt den Platz dem Volk.

Demontage nur wenige Minuten später.

Demontage nur wenige Minuten später.

Ein heiliger Ort, die Bühne für 170 Millionen Zuschauer.

Ein heiliger Ort, die Bühne für 170 Millionen Zuschauer.

Im deutschen Dorf ist es immer ruhig.

Im deutschen Dorf ist es immer ruhig.

Heilig Abend

Posted in Moskau by vialewando on 24. Dezember 2008

Drei von vielleicht 30 …

Solschenizyn und die weißen Panzer

Posted in Moskau by vialewando on 24. Dezember 2008

Die Widersprüchlichkeit des geistigen Zustands Russlands grenzt fast an Schizophrenie. Als westlicher Beobachter wird man wahnsinnig, betrachtet man die wiederkehrenden Rochaden politischer und kultureller Zustände. Verflixt verfitzt. So wundert es eigentlich schon nicht mehr, dass man am Eingang des Donskoj-Klosters erst einmal von einer Parade weiß angestrichenem Militärgerätes begrüßt wird. Ein legendärer Kampfflieger hebt über nahegelegenen Gräbern ab. Im Vorraum der Neuen Kathedrale erregt ein improvisierter Altar mit kopierten Altarbildern nicht russisch-orthodoxer Bibeldarstellungen selbst den Unmut meines russischen Stadtführers. Auf dem Friedhof befindet sich das noch frische Grab von Solschenizyn. Von hier aus sieht man gut die alten Steinreliefs der durch Stalin abgerissenen Christi-Erlöser-Kathedrale, auf die man beim Wiederaufbau verzichtet hat. Der Hofbildhauer Luschkows Zereteli (siehe Artikel „Auferstehung auf dem Friedhof …) hat es selbst gerichtet. Also, auf diesem vergleichsweise kleinen Arial kann man viel lernen. Die Kirche hat trotz ihrer massiven Unterdrückung zu Sowjetzeiten mit Spenden eine eigene nach dem Großfürsten Dmitri Donskoj benannte Militärische Einheit im Großen Vaterländischen Krieg auf die Beine gestellt. Ihr substantielles Überleben sicherten sich einige der wichtigen kirchliche Einrichtungen, indem Sie ihre Räume in Archive und Museen umwandeln ließen. Aus den anderen wurden Wohnhäuser und Fabriken gebaut. Bis 1991 war hier das Architekturmuseum untergebracht. Daher die Erlöser-Kathedralen-Überreste. Heute sichert sich die Russisch-Orthodoxe Kirche ihren politischen Einfluss mit anderem, vielleicht schon in früheren Tagen angewandten Mitteln. Ihr wird eine gewisse Nähe zum KGB bzw. FSB nachgesagt. Ob das nun der Grund ist, warum der personifizierte Widerspruch Solschenizyn neben dem Grab einer der berühmtesten Historiker Lew Nikolajewitsch Gumiljow oder ob er wegen seiner zuletzt starken Gläubigkeit hier beerdigt wurde ist unklar. Er war auf alle Fälle ein enger Freund des geistlichen Oberhauptes des Klosters. Und dieser konnte sich bei der Bestattungszeremonie nicht über Mangel an Staatsgästen beklagen. Noch heute ist der überdachte Weg für den VIP-Trauerzug zu sehen. So gibt es immer wieder Nahrung für Mythen, die einerseits Tatsachen verschleiern und andererseits Zufälle zu großen Geschichten machen. Dass sich im umliegenden Wohnviertel sehr viel KGB niedergelassen hat, ist leicht zu erklären. Hier gab es die erste Radio- später TV-Sendestation Moskaus. Dass aber in einem neugebauten Wohnhaus Türme mit Kapellen für private Nutzung von unbekannten Geldgebern eingerichtet werden, ist dann doch recht seltsam. Wollen etwa die Geheimdienstler Trost und spirituellen Beistand beim bequemen und unbeobachteten In-House-Service finden? Wer heute in Russland wen braucht, kann man nicht mehr sagen.

Neu-Jerusalem

Posted in Moskau by vialewando on 23. Dezember 2008

Die im 17. Jahrhundert erbaute Klosteranlage empfindet mit den Außenmauern die Stadtmauern der Altstadt von Jerusalem nach und die Auferstehungskathedrale ist der Nachbau der Grabeskirche. Allerdings müssen die Pläne auf dem weiten Weg von Palästina irgendwie vertauscht worden sein. Das Modell nach dem man dann die durch die Deutschen im 2. Weltkrieg stark zerstörten Kirche gebaut hat, befindet sich in der sehr ermüdenden, aber gut geheizten Museumsausstellung auf dem Gelände. Es erinnert eher an eine frühe Form von Playmobil-Spielzeug. Trotzdem hat dieser Platz etwas Mystisches. Mag sein, dass die Idee der modellhaften Rekonstruktion, des Nachbaus eines fernen, aber bedeutenden Platzes von der Ausstrahlungskraft seines Originals profitiert. Als Grund für den Bau dieser Anlage durch den als Kirchenreformer wenig erfolgreichen Patriarchen Nikon kann man den Fakt ansehen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche nicht in Jerusalem vertreten ist. Nur die Griechisch-Orthodoxe Kirche hat eins der sechs Schlüsselrechte an der Grabeskirche. So war dann schnell der Hügel zum Berg Zion erklärt und der nahe Fluß, der im Winter seltsamerweise nie zufriert, zum Jordan gemacht. Doch statt einen neuen Fixpunkt für die reformierte Kirche zu finden, kam es zur Spaltung und in Folge dessen zur Hinrichtung Zehntausender Reformgegener. Für junge heiratswillige Paare und Eisbader auf jeden Fall kein Grund nicht hier her zu kommen.

Grabeskirche von Neu-Jerusalem

Zerlegbar: Vorlage für den Nachbau

Müde: Ikone mit Augenringen

Verheiratet: Schlüssel im Jordan

Wunschzettelstrauch: Hoffnung auf langes Glück

Sentimental: Eisbaden statt Heiraten

50 km vor Moskau: Bahnstation Istra bei Neu-Jerusalem

Als die Kirche in den Untergrund ging

Posted in Moskau by vialewando on 23. Dezember 2008

Die Moskauer Metro, eines der Prestigeprojekte Stalins, zeigt wie kein anderer Ort, dass die Umsetzung, die Argumentation kommunistischer Ideen wörtlich alle Mittel heiligte. Während oben die Kirchen- und Klosterdichte rapid abnahm, wurden mit Beginn der Dreißiger Jahre mehr und mehr Stationen gebaut, die Kirchenräumen ähnelten. Das Mittelschiff begrenzt durch Säulen zum Nebenschiff. Die Stirnseiten mit Rolltreppen die wie Himmelsleitern oft in einem Kuppelbau enden bzw. beginnen. Ist eine Stirnseite geschlossen, bietet sich hier ein Altarähnliche Nutzung. Die Kapellen der Nebenschiffe kommen im 2-Minuten-Takt. Die Andacht ist kurz. Ornamentik und Design greifen tief in den Baukasten spiritueller Orte. Statt des Leidensweges Christi wird der fröhliche Weg in die Zukunft auf Mosaiken, Glasfenstern, Intarsien, Wandmalereien und mit Reliefs wie auch Skulpturen aus Marmor, Keramik, Bronze dargestellt. Reichlich zu Essen gibt es in diesen Materialien auch. Ehrenkränze, in die gleich Sicheln mit eingebunden sind. Und natürlich gibt es Sowjetsterne, die in Hülle und Fülle aus jeder noch so unverdächtigen Ecke oder von jedem Lüftungsgitter einen anstrahlen. Kaum ein Ornament, das nur dekoriert. Alles hat eine bis in die Stammzellen der Ideologie reichende Bedeutung. Nun kann man rufen: Diktatur des Ornaments, Blutgefäßsystem der Ideologie oder Transportmaschine mit Allmachtsinfusion. Aber war wirklich die Idee der Installation, durch Größe und Erhabenheit dieses, alle bisherigen Dimensionen sprengenden Bauwerkes den müden Werktätigen am Morgen und am Abend die Sinne zu benebeln? War es wirklich das ursächliche Anliegen neben der rein praktischen Funktion, Millionen Passagiere zu befördern, dem Werktätigen auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause das Gefühl zu geben, mit der modernsten U-Bahn, den längsten Rolltreppen der Welt zu fahren und zugleich in Palästen zu wandeln? Hatte sich der Russische Konstruktivismus, in denen noch die ersten Stationen gebaut wurden, als wenig nützlich für die halluzinogene Stimulation der Russischen Seele erwiesen? Vermutlich ist der Widerspruch zwischen der Vision, die modernste Gesellschaftsform zu bauen und ein veraltetes Traditionsbewusstseins zum nationalem Kulturideal zu erheben, nur mit dem sentimentalen, kitschigem Geschmack einer Person zu erklären. Stalin, der Georgier, war ein tatarischer, russisch-orthodoxer Folklorist.

Himmelsleiter in die Tiefen der unterirdischen Paläste

Himmelsleiter in die Tiefen der unterirdischen Paläste

Ukrainische Feierlichkeiten

Ukrainische Feierlichkeiten

Bleiglasfenster

Bleiglasfenster

Kleine Kapelle

Kleine Kapelle

24 Stunden in der Sowjetunion (Volleyball)

Eine Kuppel von 33: 24 Stunden in der Sowjetunion (Volleyball)

Lüftungsgitter

Lüftungsgitter

Nowoslobodskaja

Eingangshalle: Nowoslobodskaja

In einer Schwester Stalins

Posted in Moskau by vialewando on 21. Dezember 2008

Weil in Russland irgendwie alles etwas mit Fassade zu tun hat, ahnte ich schon und war durch meinen Reiseführer vorgewarnt, dass die Wohn- und Amtskathedralen Stalins möglicherweise innen nicht ganz so beeindrucken wie von außen, etwas zynisch hatte Stalin über eines seiner Prestigeobjekte selbst erklärt: „… national in der Form, sozialistisch im Inhalt.“ Die Verabredung mit einem Mieter war arrangiert, Skepsis lag auf beiden Seiten in der Luft. Etwas belastend kam hinzu, dass mir eine deutsche Künstlerin vor Ort erklärte, mit diesem Haus stimme etwas nicht, an diesem Ort seien überdurchschnittlich viele Menschen in den Freitod gegangen. Der Weg dahin ist einfach. Man sieht diese Gebäude schon aus großer Entfernung. Der Eingang romantisch, fast Wagnerisch dramatisch. Im Foyer wird es schnell übersichtlich und dennoch schafft eine Decke mit Kuppelimplantat und illusionistischer Malerei weiterhin zu beeindrucken. Im Fahrstuhl neueren Datum überrascht modernes Design. Die Wohnung in ihrem Zuschnitt erinnert aber dann doch schnell an Sozialbau mit nobler Ausstattung. Türgriffe, die eher in Schlösser und Palästen zu finden wären, Stuck, der Schmuckkästchen aus den wie angekündigt kleinen Stübchen macht. Der Blick atemberaubend. Etwas störend die Bemerkung eines Bewohners, dass in der hohlen Wand neben der Küche so eine Art Abhörschacht verläuft. Schluck. Die verschachtelten Treppenhäuser beginnen eine andere Stimmung zu erzählen. Es wird noch enger, noch unübersichtlicher. Es ist ein intelligent gebauter goldner Käfig, in dem man nicht genau weiß, wer der Nachbar ist. Aber der Unbekannte alles wußte. Vorrangig Kulturschaffende sollen hier gelebt haben – zwischen Himmel und Angst. Vielleicht. Turmspitzen mit Morgensternornamentik, in der Fassade die Reliefs der immer wieder kehrenden Sieger- und Gute-Zunkunftmantras. Beim Verlassen sehe ich immer mehr Ornamente, die aus dem Symbolkasten der kommunistischen Ideologie komponiert sind. Ja, es gab sogar eine Telefonzentrale in diesem Haus. Selten für jene Zeit. Und ein Kino für die Kulturschaffenden: Illusion. Wer hier nicht vorzeitig auszieht, wohin auch immer, es hier lange aushält, bekommt eine Plakette.

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Unavoidable and Unnecessary

Posted in Moskau by vialewando on 17. Dezember 2008

Sergej Shutov gehört zu den Moskauer Künstlerlegenden. Seine Zusammenarbeit mit der Musik- und Filmszene, ob als erster VJ Moskaus oder als Filmkomponist zählen zu den wenigen Pionierleistungen in der Medienkunst Russlands. Um so mehr erstaunt seine erste Museumsretrospektive im neuen Moscow Museum of Modern Art. Fast einschläfernd und nicht immer sehr originell wirken seine mit Bilderserien überladenen Ausstellungsräume. Fast immer in die Ecke gedrängt, werden seine medialen Arbeiten von der Malerei und den grafischen Blättern erstickt. Kleine Kringelzeichnungen produzierende, motorgetriebene Bleistifthalter stehen fast verschämt am Rand. Trotzdem ahnt man die Vielfalt und spürt die verschmitzte Distanz zu den großen russischen Themen. Vielleicht ist aber gerade diese Ausstellung wieder ein Projekt, bei dem er mit den Erwartungen des Kunstsystems spielt und für uns nicht den Altmeister der subversiven Kommentare mimt, um damit dann doch wieder alles zu unterlaufen.

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