Via Lewandowsky

Scrupoloso (Notizen aus Rom)

Posted in Alles, Rom by vialewando on 20. Februar 2011

6. März 2011
Der Zusammenhang zwischen Kunst und Wulst, Wulst und Mathematik wird von der Hässlichkeit des Begriffes verdeckt. Am Ausgang der Überlegung stand Vibration. Leider auch ein verheerend beliebig genutzter Begriff. Vibrato, Vibratorium. Es gibt eine Schleuse im Notizbuch. Ein Strudel von Gedanken. Auf Nimmerwiedersehen.
Am Abend zerlegt ein Olivenkern meinen letzten intakten Backenzahn. Io vibro.

23. März 2011
Sie werden jetzt voller Erwartung sein, was man zum Warten sagen kann. In jedem Moment steckt ein Stück Wartezeit. Der Künstler wartet auf seine Idee. Die Braut wartet im Auto vor der Kirche, bis sie gerufen wird. Sonne an der Spanischen Treppe. Trotzdem frustriert. Die Römischen Straßen können Beziehungen zerstören. Die Märchenfee ist verbittert. Fragmentiertes Warten, das Ende auf Raten. Die Antwort ist das Unglück der Frage, hat jemand notiert. Hey Baby, sag einfach „Ja“.

9. April 2011
Paradoxie der Geschwindigkeiten im Supermarkt: Während der Kassierer seine Kunden sehr langsam abfertigt, redet er mit ihnen sehr schnell. Ich verstehe Bahnhof. Ich strenge mich an. Denke: „prezzemolo“. Das hat doch gerade jemand gesagt, oder? Wie hieß gleich Muschel nochmal, Geschlechtskrankheit? „Trippa“? Nein, das waren die Innereien. „Cozze“, stimmt! Ich bin ein alter „autista“. Nein, nicht der Kraftfahrer.

1. Mai 2011
Eine Frau erzählt mir auf einem Cocktailempfang von den Katzen deutscher Italienurlauber. Wie sie nach anstrengender Reise endlich an ihrem sonnigen Ziel im Süden angekommen waren. Und daß man gleich einen ersten Spaziergang auf dem neu erworbenen, traumhaften Grundstück gemacht hatte. Am späten Abend kehrten wohl auch die Katzen von ihrer ersten Erkundungstour zurück. Sie schienen um zwanzig Jahre gealtert.

24. Mai 2011
Wie eine Seifenblase platzt, so schnell war meine Handgepäcktasche weg. Der Gewinn des Diebes steht in keinem Verhältnis zu meinem Verlust. In Gedanken sehe ich meine Tasche mit Lichtgeschwindigkeit in Richtung Orionnebel verschwinden. Wenn da jetzt jemandem mein Notizbuch in die Hände fällt? Das möchte ich mir nicht vorstellen müssen, nicht auszumalen. Jedes seiner Stirnrunzeln ein harter Schlag in meine Magengrube.

15. Juni 2011
Auweia, nur fünf Eier. Manche können nicht warten, deshalb duschen sie 5 Minuten bevor die Gäste kommen oder Gäste brechen so spät zum Flughafen auf, dass selbst der Taxifahrer plötzlich ein Stechen in der Brust verspürt.
Zum soundsovielten Mal rückt das Mäusebekämpfungsteam „Ecofive“ an, aber ich habe noch nie eine Maus gesehen. Der Kampf gegen die Phantommaus muss in eine neue Phase getreten sein. Phantomas, die Maus mit dem grünen Kopf. Der Künstler in Studio 5 hat sich abgeschottet.

9. Juli 2011
Die Nacht war schwül und voller Träume. Ein minimalistisches Konzert der Geräusche. Am Morgen traf ein Gedicht über den Traum ein.

7. August 2011
Der Bauch einer fettleibigen Frau hing soweit über, dass es sich eine Ratte darunter gemütlich machen konnte. Sie starb in dem Moment als die Frau verschied. Man nahm an, dass die Ratte sich in ihre Gastgeberin verliebt hatte. Die wiederum wusste nichts von der Anwesenheit des Tieres. Nur manchmal sprach sie von einem unerklärlichlichen Gefühl sexueller Stimulation. Diese Geschichte wurde mir in Sperlonga unweit der Grotta di Tiberio erzählt.

22. August 2011
Ich verfolge die Eroberung der Hauptstadt im Liveticker.

2. September 2011
Die Behauptung, dass dem Nashornkäfer auf dem Gelände der Villa Massimo nur deshalb ein kurzes Leben beschieden ist, weil er von seiner weiten Reise aus Papua-Neuguinua so erschöpft ist, dass er sich nicht mehr erholen kann, klingt plausibel, ist aber Unsinn. Porto Massimo, Porto Pino, Porto Polledo, Porto Pollo, Porto Rotondo, Porto San … Uta, Valledoria, Vignola Mare, Villa San Pietro, Villacidro, Villamassargia, Villanova Monteleone, Villanovaforru, Villaputzu, Villasimius … Nashornkäfer …

5. Oktober 2011
Villa Giulia. Ein Pfirsisch vom Schimmelpilz ergriffen. Ein Freund liest aus Stendhal, vom Katzenjammer des Kastratenchores der Sixtinischen Kapelle. Dabei geht die Sonne unter und der Verkehr beruhigt sich.

29. Oktober 2011
Die tiefstehende Sonne bringt die Nadeln der Kakteen zum Glühen. Zu viel für den Moment, zu wenig für die Dauer.

8. November 2011
Der Duft der fünf Mägen kommt mir in den Sinn. Im Helldunkel des gleißenden Lichtspiels sehe ich plötzlich eine schwarzweiße Kuh auf der Wiese unterm Pampelmusenbaum stehen. Es ist wieder eine von diesen Erscheinungen.

27. November 2011
Wenn ich zurück denke, wird mir schwindlig. Wie als wenn man an etwas hoch geklettert wäre und plötzlich nach unten sieht.

16. Dezember 2011
Es war genau das zehnte Mal in einem halben Jahr. Diesmal war die Toskana düster und verregnet. Der Nebel rast mit zweihundertfünfzig Kilometern pro Stunde vorbei. Der Mundgeruch meiner telefonierenden Nachbarin wabert wie der Qualm eines Maschinengewehrs herüber. Ich versuche, mich zu konzentrieren. Im Tunnel sehe ihr Gesicht im Fenster. Ein Profil wie bei Filippino Lippi.

8. Januar 2012
Erst als Schrei von Munch beim Zahnarzt dann ein schmatzendes Liebespaar auf dem Aventhin neben mir. Später verteilte der Architekt und Experte für Esperanto-Religion beim Reden spuckend seine Trüffelsauce über den Tisch. Dabei behauptete er, wenn man in Rom bauen will, muss man auf die Ruinen achten, in Berlin auf die Bomben.

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